Waldorfschulen in sozialen Umbrüchen

Von Volker Frielingsdorf, Juli 2018

Bekanntlich wurde die erste Waldorfschule vor nunmehr 99 Jahren in Stuttgart von Rudolf Steiner und Emil Molt gegründet.

Der »eigentliche Geburtstag der Waldorfschule« war für Emil Molt der 23. April 1919, der Tag, an dem Steiner vor der Belegschaft der Fabrik einen mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag hielt und an dem es danach eine denkwürdige Betriebsratssitzung gab, in deren Verlauf Molt im Namen des Betriebsrats den Beschluss zur Gründung einer Schule aussprach. Anschließend bat Molt Steiner, den Aufbau und die Leitung der Schule zu übernehmen. Nach Steiners Zusage stellte Molt 100.000 Mark als Startkapital zur Verfügung, und damit konnten die Vorbereitungen für die Schulgründung beginnen.

Wenn man noch etwas weiter in der Gründungsgeschichte zurückgeht, kommt man auf den geschichtsträchtigen 9. November 1918, als der Erste Weltkrieg endete und in Berlin nach der Abdankung des Kaisers die Republik ausgerufen wurde. An diesem Tag war Molt geschäftlich in Zürich, erfuhr in immer neuen Extrablättern von den großen Umwälzungen und fuhr noch am Abend nach Dornach, wo er sich von Steiner einen Rat erhoffte, was er nun tun sollte. Es war dann ein indirekter Hinweis Steiners, der Molt hellhörig werden ließ und der ihn im Verlauf der nächsten Wochen auf die Idee brachte, eine ganz neue Schule für die Kinder der Arbeiter und Angestellten seiner Fabrik zu gründen. Die spätere Waldorfpädagogik musste zwar dann erst noch ausgearbeitet und immer weiter konkretisiert werden, doch war sie von Steiner schon Jahre zuvor in ihren Grundlinien konzipiert worden. 1907 hatte er nämlich erste Vorträge zu der von ihm zu inaugurierenden Pädagogik gehalten, die unter dem Titel »Die Entwicklung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft« auch veröffentlicht wurden. Darin deutet Steiner an, dass die von ihm begründete Geisteswissenschaft in der Lage sei, bis in die Einzelheiten genauer anzugeben, wie der »Aufbau einer Erziehungskunst« aussehen könnte.

Allerdings hat ihn dann anscheinend weder 1907 noch in den folgenden Jahren bis 1918 irgendjemand gebeten, die bis dahin nur umrisshaft dargestellte Pädagogik präziser auszuarbeiten. Dies geschah erst während der Revolution von 1918/19, in deren Verlauf nach der Katastrophe des Weltkriegs eine große Bereitschaft da war, die soziale Frage ernsthaft anzugehen und in diesem größeren Zusammenhang auch die Möglichkeit der Gründung einer ganz neuen Schule in Erwägung zu ziehen. Auch wenn die Idee also schon keimhaft vorhanden war, bedurfte es einer besonderen gesellschaftspolitischen Situation und eines speziellen Auslösers, um die »Geburt« der Waldorfpädagogik zu ermöglichen.

Umbruchszeiten und Aufbruchsphasen

Wenn man nun auf die weitere Entwicklungsgeschichte der Waldorfschulbewegung schaut, erkennt man, dass es in den vergangenen hundert Jahren mehrere Entwicklungsschübe gegeben hat, in denen es schlagartig ein plötzlich immens gestiegenes allgemeines Interesse an der Waldorfpädagogik gab. Alle diese Boomphasen hingen mit gesellschaftspolitischen Umwälzungen zusammen, die den Boden dafür bereiteten, dass die Waldorfschulen sich verwandeln und weiterentwickeln konnten – und mussten. Seit 1919 lassen sich die folgenden Umbruchzeiten ausmachen, die immer zugleich auch Aufbruchphasen waren:

  • die 1920er Jahre, in denen es ein weit verbreitetes Interesse an der Reformpädagogik gab, in dessen Gefolge alleine in Deutschland neun Waldorfschulen gegründet werden konnten;
  • die »Stunde Null« des Jahres 1945, als nach der unfassbaren Doppelkatastrophe der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges in wenigen Jahren in der Bundes­republik 25 Waldorfschulen entstanden;
  • die Jahre nach der viel beschworenen »68er-Zeit«, als die Waldorfpädagogik Eingang in das linksliberale und das grünalternative Milieu fand, worauf seit 1970 die Zahl der westdeutschen Waldorfschulen innerhalb eines Jahrzehnts bis 1980 auf 70 anstieg und 1986 die hundertste Schule eröffnet werden konnte;
  • einen weiteren Schub brachte die »Wende« von 1989/90, in deren Gefolge die »Wiedervereinigung« alleine im Schlüsseljahr 1990 zur Gründung von insgesamt 17 Waldorfschulen, davon 7 in Ostdeutschland führte.

Allen diesen Aufschwungphasen war jeweils eine Zeit der Konsolidierung vorausgegangen, in der viele Skeptiker davor warnten, dass eine zu rasche Ausbreitung äußerst bedenklich sei, da dies doch unvermeidlich zur Verwässerung der Waldorfpädagogik führen werde. Bemerkenswerterweise ist es der Waldorfschulbewegung gleichwohl in jeder dieser Boomzeiten schließlich doch gelungen, die mit der Gründung neuer Schulen verbundenen Herausforderungen zu meistern und veränderte Sozialformen zu entwickeln, um den drohenden Substanzverlust zu vermeiden.

Bleibt die Frage, ob und wann die nächste Aufbruchphase kommen wird. Stehen wir vielleicht schon heute abermals vor großen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen? Wird man später einmal die »Ära Merkel« als die Zeit einer unmerklichen Restauration ansehen, als eine Epoche, in der man merkwürdigerweise die soziale Frage gar nicht mehr gestellt hat? War es nicht zwangsläufig – so wird man möglicherweise um 2030 einmal fragen –, dass die Welt von 2018/19, in der Digitalisierung und Globalisierung große Hoffnungen, aber ebenso große zumeist diffuse Ängste hervorriefen, grundlegend transformiert wurde?

Wenn dem so sein sollte, dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auf die Waldorfschulbewegung ganz neue Aufgaben und veränderte Herausforderungen zukommen. Und dann wird sich eine zweite Frage stellen: Ob die Waldorfschulen für einen weiteren Aufbruch bereit sind – und ob die Idee, welche aus der »Philosophie der Freiheit« eine »Erziehung zur Freiheit« hat entstehen lassen, immer noch so keimfähig ist, um daraus die Waldorfschule der Zukunft zu entwickeln, eine Schule, die Kinder und Jugendliche dazu befähigt, sich in der digitalisierten Welt zurecht zu finden und sie human zu gestalten.

Zum Autor: Prof. Dr. Volker Frielingsdorf war Oberstufenlehrer in Geschichte und Deutsch an der Freien Waldorfschule in Schopfheim und veröffentlichte u.a. zur Geschichte der anthroposophischen Heilpädagogik und über die Waldorfpädagogik aus der Sicht der Erziehungswissenschaft; er ist heute Professor für Waldorfpädagogik und ihre Geschichte an der Alanus Hochschule in Alfter.

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