Waldorfschulen in Spanien: Kein Boom, aber Hoffnung

Von Peter Schwarz-Mantey, Oktober 2010

»Am Anfang«, erinnert sich Marco Koch aus Altea, »haben mir die Hühner im Mathe-Unterricht in den Fuß gepickt und es hat in die Hütte geregnet.« Der Anfang in der Waldorfschule La Marina an der Costa Blanca in Spanien war aber auch sonst alles andere als normal.

»Unsere Schule wurde nicht nach dem Lehrbuch entwickelt, sondern komplett anders herum«, sagt Pedro Alvarez-Monteserín, einer der Gründungslehrer der Schule. »Es gab also nicht erst eine Häkelgruppe interessierter Mütter, danach einen Kindergarten und dann die Schule – sondern genau umgekehrt.« Die erste Klasse der Schule La Marina, heute mit rund 80 Schülern und sechs Lehrern in Benidorm zu Hause, bestand im Gründungsjahr 2002 aus acht Kindern im Alter von rund zehn Jahren. Marco Koch, ein Deutscher, dessen Eltern zu den Gründern gehörten, war einer davon.

Kindergartenkinder gibt es mittlerweile rund 20, Tendenz steigend. Der Bedarf nach alternativen Schulen wird größer in Spanien. Das staatliche Schulsystem wird selbst von den regierungsfreundlichen spanischen Medien als »Fracaso escolar«, als Debakel bezeichnet. Kein Wunder – bei rund 40 Prozent Schulabgängern ohne Abschluss. Die Schulkarrieren der Kinder beginnen im öffentlichen Schulwesen mit drei Jahren, der tägliche Unterricht dauert bis 17 Uhr, danach sind Unmengen von Hausaufgaben zu erledigen.

Waldorfschulen gibt es in Spanien derzeit in sieben Städten. Die erste von ihnen war die Escuela Libre Micael in Madrid, seit dreißig Jahren Orientierungspunkt für Eltern und Lehrer in diesem Land. Sie ist die einzige Waldorfschule, die bis zum Bachillerato führt, dem spanischen Abitur.

Gegründet wurde sie 1979, vornehmlich von Deutschen. »Diesmal in der richtigen Reihenfolge«, sagt Pedro Alvarez-Monteserín, damals einer der ersten Lehrer in Madrid. »Erst gab es den Kindergarten, aus dem hat sich dann die Grundschule entwickelt, und dann die Sekundarstufe.« Heute lernen in Madrid rund vierhundert Kinder. Es gibt eine Warteliste – und dabei noch zwei weitere Waldorf-Grundschulen in der spanischen Hauptstadt.

Dreihundert Euro Schulgeld hat nicht jeder, Hilfe vom Staat gibt es nicht

Eine Pionierin der Waldorfschulbewegung in Spanien ist Pilar Altamira. Ihre älteren Kinder hatte sie zuvor auf Waldorfschulen in Deutschland, England und Frankreich gegeben. »Wir hatten das Glück, dass wir damals von einer befreundeten Familie ein großes Grundstück geschenkt bekamen«, erzählt sie. Und das war der Anfang. Die Schuleltern in Madrid sind überwiegend Spanier und in ihrer Heimat bestens etabliert. Auch dies ist in Benidorm anders, wo die Kinder und Eltern aus aller Herren Länder kommen, wie dies an der so genannten »Costa Blanca« zwischen Valencia und Torrevieja üblich ist. Viele Gemeinden kommen hier leicht auf mehr als achtzig Nationalitäten, Nord- und Mitteleuropäer sowie Südamerikaner bilden den Löwenanteil.

Auch in der Waldorfschule La Marina sind Deutsche, Engländer, Niederländer, Franzosen, Iren, Slowenen, Schweizer, Ukrainer, Japaner und US-Amerikaner anzutreffen. Unterrichts- und Umgangssprache ist Spanisch. Weil die Schule für viele Eltern auch sozialer Mittelpunkt ist, gibt es kaum jemanden, der nicht schnell die Sprache lernt. Nicht wenige Eltern, die es nach Spanien zieht, suchen die Schule gezielt im Internet und siedeln sich an der Küste oder im bergigen Hinterland der Touristenhochburg Benidorm an.

Entsprechend prekär ist aber auch die finanzielle Situation der Schule La Marina, denn Immigranten haben nicht immer dreihundert Euro Schulgeld pro Kind und Monat übrig – dies ist der Obolus, den die Eltern zu entrichten haben. Die Schule wird vom Staat nicht unterstützt.

»Leider ist es in Spanien mit einer schon kafkaesken Bürokratie verbunden, eine neue Schule zu gründen«, schimpft Alvarez-Monteserín. »Würden wir uns als deutsche oder englische Schule konstituieren, könnten wir nach den dortigen Lehrplänen in Spanien frei lehren. Als spanische Schule dürfen wir das aber nicht, vorgesehen ist nur das staatliche System. Würden wir Subventionen verlangen, wäre es noch schlimmer.«

Nach Francos Tod gab es große Erwartungen

Damit das Ziel, die staatliche Anerkennung als Grundschule, überhaupt angestrebt werden kann, hilft die Stiftung der Software AG aus Darmstadt. Denn auch das Schulgebäude muss jede Menge bürokratischer Auflagen erfüllen – von Fluchtwegen über die Schulküche bis zu den Türrahmen und der Turnhalle. Das Gebäude, eine alte Schule aus den 1970erJahren, liegt zwar romantisch am Stadtrand umgeben von Bäumen und Wiesen, muss aber komplett saniert und erweitert werden. Weil die Nachfrage nach Waldorfschulen in Spanien ständig wächst, die Hilfe des Staates aber bei Null bleibt, unterstützt die Stiftung nicht nur das Projekt in Benidorm, auch im galizischen Lugo gründen Mütter derzeit eine Waldorf-Grundschule mit deutscher Förderung.

Fast zeitgleich mit Benidorm wurde die Waldorfschule in Barcelona gegründet. Die katalanische Hauptstadt ist seit den 1970er Jahren eine Hochburg der spanischen Anthroposophie. Als Student organisierte Pedro Alvarez-Monteserín schon 1975 Seminare zum Thema »Schule in der Krise«. Er erinnert sich: »Während der Franco-Zeit war die Anthro­posophie verboten, genauso wie die Freimaurerei oder die vor 1936 mit Erfolg arbeitende Freie Lehranstalt (Institución Libre de Enseñanza). Wir mussten uns als ›Club der Freunde der Futurologie‹ organisieren.« Anziehungspunkt der spanischen Waldorfpädagogen blieben noch lange Frankreich, England und Deutschland, wo die spanischen Lehrer traditonell ausgebildet wurden.

»Viele Freunde, auch in Deutschland, hatten erwartet, dass die Anthroposophie und die Waldorfschulen in Spanien nach dem Tod Francos regelrecht explodieren würden«, sagt Alvarez-Monteserín. »Aber alle geltenden und neuen Gesetze haben das bislang verhindert. Auch die aktuelle Regierung sieht offenbar nicht das Problem.«

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