Ausgabe 03/24

Was will die Waldorfpädagogik anders machen?

Wolfgang Müller

Das hängt mit einer anderen Blickrichtung, als sie sonst üblich ist, zusammen. Wenn nur gefragt wird, was das Kind später können muss, dann wären Musik und Mythen nicht vorne auf der Liste. Anthroposophie fragt anders: Wie findet dieses junge Wesen auf eine gute Weise in seine Existenz? Wie kann es sich – körperlich, seelisch und geistig – so entwickeln, dass es die unterschiedlichen Seiten seiner Persönlichkeit gut ausbilden kann? Dann wird sofort klar, dass bei jungen Kindern die direkte Welterfahrung mit Augen und Händen eine ganz andere Rolle spielen wird als bei Jugendlichen, bei denen die Möglichkeit hinzugekommen ist, etwa mathematische oder philosophische Zusammenhänge geistig zu durchdringen. Klar wird auch, dass etwa für Zehnjährige eine Heldensage, die von Mut und Treue und Bewährung handelt, ein großes inneres Erlebnis sein kann, auch wenn sie später im Leben voraussichtlich nie einen Kampf zu Pferde und mit Lanzen erleben werden. Es geht eben um seelische Ur-Situationen, aus denen sich unsere Lebenshaltung formt.

Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass die Waldorfpädagogik – außer den Inhalten des Unterrichts – auch die persönlich-menschliche Seite der Erziehung tief ernst nimmt. Sie versteht eine Schulklasse nicht als beliebige Gruppe etwa Gleichaltriger, denen eben dann einige Lehrer:innen zugeteilt werden; vielmehr möge da, so Steiner, eine «Gesinnung des Zusammengeführtseins» walten: Man geht einen längeren Weg gemeinsam, auch mit derselben Klassenlehrkraft bis zu acht Jahre. Nur so seien die Erziehenden in der Lage, als «Seelenkenner» wirklich das einzelne Kind zu verstehen und zu fördern.

Darin liegt zweifellos eine außerordentliche pädagogische Verantwortung. Wer möchte von sich behaupten, dieser hohen Aufgabe gerecht werden zu können? Jede Erziehung bedeute zunächst einmal Selbsterziehung, meinte denn auch Rudolf Steiner.
Dass all dies im schulischen Alltag nicht immer voll gelingen mag, ist klar. Aber es ist der große und berechtigte Maßstab.

Eine Herausforderung sind auch andere Aspekte der Waldorfkultur, etwa die Idee einer selbstverwalteten Schule. «In einer wirklichen Lehrer:innen-Republik werden wir nicht hinter uns haben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen», so Steiner 1919. «Jeder muss selbst voll verantwortlich sein.» Das kann im Einzelfall anstrengend werden. Es bietet aber auch die Chance zu einer freien, authentischen, menschlichen Pädagogik.

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