Wege zum Wahrheitserleben – oder die Kunst, der Welt und sich selbst zu begegnen

Von Claus-Peter Röh, Dezember 2019

Das Ziel, in den jungen Menschen die Fähigkeit zu veranlagen, Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden, erscheint heute so umkämpft wie nie zuvor. Im öffentlichen Leben herrscht eine starke Unklarheit und Verunsicherung, welchen »Fakten« man noch trauen kann oder nicht. Das Jonglieren zwischen Lüge und Wahrheit ist gang und gäbe.

Foto: © Miss X / photocase.de

Die schiere Masse an – zum Teil auch widersprüchlichen – Informationen scheint das innere Wahrheitsgefühl zu korrumpieren. Die Folge ist ein »postfaktisches« Urteilen, welches den Anspruch der gründlichen Wahrheitsprüfung aufgegeben hat, wie der Trendforscher Eduard Kaeser schreibt. »In der digitalen Welt wäscht ein Permaregen von Informationen ganz zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit aus« (NZZ, 22. 8. 2016).

Wo also ist das Erleben von Wahrhaftigkeit im Menschen veranlagt und wie kann Schule dem heranwachsenden Menschen ermöglichen, Stufe für Stufe ein zunehmend bewusstes Wahrheitsgefühl zu entwickeln? 

Wahrheit im Gewand der Phantasie 

Beim kleinen Kind ist das Ringen um ein eigenes Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit zunächst noch von freier Phantasie geprägt: Ein vierjähriges Mädchen hört aus dem Gespräch der Erwachsenen heraus, dass der ältere Herr aus der Nachbarschaft gestorben ist. Nach einer Weile des Sinnens sagt sie: »Ich weiß, wie das geht. Er ist ganz weit auf die Leiter hochgegangen und dann hat ihn der liebe Gott in den Himmel geangelt.« Wahrscheinlich hat dieses Mädchen zuvor das eine und andere Wort und Bild vom Sterben in seiner Umgebung aufgenommen. In ihrer Art der Äußerung wird der Wunsch deutlich, das nun Gehörte zu erfassen. So versucht es, sich in seiner eigenen Bildersprache dem zu nähern, was offenbar geschehen ist.

Oft prallt das Wahrheitserleben des Kindes auf das gegenständlich-faktische Denken des Erwachsenen: Ein kleiner Junge kommt zu seiner Mutter und behauptet: »Mama, ich habe einen Löwen gesehen!« Die altmodisch moralisierende Mutter antwortet: »Kind, das kann nicht sein! Hier in der Stadt gibt es keine Löwen. Geh in dein Zimmer und entschuldige dich beim lieben Gott, dass du gelogen hast!« – Als der Junge nach einer Zeit still zurückkommt, fragt die Mutter: »Und, hast du dich entschuldigt?« – »Ja, aber – er hat ihn auch gesehen.« 

Die Bekanntheit dieser in Variationen erzählten Anekdote rührt offenbar von dem unzutreffenden Vorwurf her, »dass du gelogen hast!« Im späteren Alter bezeichnen wir das Lügen als eine bewusste Leugnung der Wahrheit. Dieser Vierjährige erzählt dagegen ganz ehrlich ein Bild seiner altersgemäßen Phantasie. Ebenso, wie er in einem Puppenspiel die Handlung noch als anwesende Wahrheit erlebt, gelten ihm die Phantasiebilder als innere Wahrheit. In diesem Sinne wäre das geflügelte Wort »Kindermund tut Wahrheit kund« nicht nur dort gültig, wo Kinder jenseits von Rücksichtnahme und Gepflogenheiten Wahrheiten aussprechen, sondern auch dort, wo sie aus ihrer Phantasie heraus erzählen. 

Künstlerische Arbeit als Dolmetscherin der Wahrheit

Mit dem Eintritt in das Schulalter beginnt das Erleben des Kindes, eine seelische Metamorphose zu durchlaufen. Auf dem Weg von der Unter- zur Mittelstufe zeigt sich eine neue Fähigkeit des Wahrheitserlebens, die zwischen der kleinkindlichen Phantasiekraft und dem rein gedanklichen Ergründen der Wahrheit steht. Das Schulkind ist nun in der Lage, neben den rein inhaltlichen Fakten vor allem die Einbettung und Ausgestaltung dieser Inhalte in Gesten, Bewegungen, Klängen und Stimmungen gewissermaßen als eine »Wahrheit des Zusammenstimmens« zu erleben:

Die Art und Weise, wie Sprache, Poesie, Musik und Bilder ausgestaltet werden und im Klassenraum aufleben, bildet nun eine entscheidende Brücke zum kindlichen Erleben der Welt. So steht in der Erzählung des Grimm’schen Märchens vom Marienkind das menschliche Ringen in der Begegnung mit Wahrheit und Lüge in voller Bilddramatik vor den Kindern einer ersten Klasse: Das Marienkind hat in Abwesenheit der Mutter Maria eine verbotene Tür geöffnet und kann sich wiederholt nicht dazu durchringen, dies einzugestehen. Erst als die sich auftürmenden Konsequenzen es an die Grenze zwischen Leben und Tod führen, entschließt es sich, die Wahrheit auszusprechen. Die Kraft der Bilder, die Schönheit der Märchensprache und der am Ende erlösende Moment, zur Wahrheit zu stehen, bilden einen Raum, in dem die seelische Orientierung tiefe Anregung findet. 

Zwei Jahre später in der Landbau-Epoche der dritten Klasse verwandelt sich das Wahrheitserleben in Richtung eines Wechselspiels zwischen innerem Erleben und äußerem Tun. Wenn sich die Kinder in der Tätigkeit des Pflügens, Eggens, Säens und später des Erntens aus eigenem Willen in den Sinnzusammenhang des Lebens stellen, ist ein deutlicher Wille zur Wahrheit zu erleben. Verstehen wir die Wirklichkeit eines Lebenszusammenhangs als Wahrheit, so wird die Freude verständlich, mit der sich die Kinder durch ihre Arbeit auf dem Hof in einen neuen Wahrheitszusammenhang stellen.

Der Wille zur Wahrheit kann dann im künstlerischen Erfassen der Welt besonders gefördert werden. Beschreiben wir die Schönheit im pädagogischen Sinn als den stimmigen Zusammenklang von Wesen und Erscheinung, dann ist das Hervorbringen des Schönen und Stimmigen in der gestalterischen Arbeit eine Annäherung an die Wahrheit. Ausgehend vom Satz Schillers »Nur durch das Morgentor des Schönen dringst Du in der Erkenntnis Land!« beschreibt Rudolf Steiner die Bedeutung des Künstlerischen als zweites Gewand der Wahrheit im pädagogischen Jugendkurs: »Es muss für das Volksschulalter und noch lange über das Volksschulalter hinaus – solange es sich überhaupt um Erziehung und Unterricht handelt – der ganze Unterricht durchfeuert und durchglüht sein von dem künstlerischen Element. Die Schönheit muss für das Volksschulalter und für das spätere Alter des Menschen walten, die Schönheit als Dolmetscherin der Wahrheit.«

Auch wenn es später in den Fächern der Mittelstufe um die genaue Beobachtung und Befragung der Phänomene geht, bilden künstlerische Darstellungen immer wieder neue Brücken zu den Sinnzusammenhängen: So können die Abstufungen der Basen- und Säure-Werte in der Chemie einer siebten Klasse in einer Farbskala zwischen Grün, Blau, Violett, Rot und Orange erscheinen, die in dem Grade schön ist, als sie sich der Wirklichkeit der chemischen Prozesse und Eigenschaften nähert. Wahrheit und Schönheit durchdringen sich und bilden eine Einheit.

Das Innen und Außen des Wahrheitserlebens

Jeder junge Mensch kennt ganz existenzielle Begegnungen im Leben mit Wahrheit und Lüge. Wenn ein Kind ein Missgeschick oder eine Tat nicht zugeben kann und die Wahrheit zunächst leugnet, sind wir als Erzieher herausgefordert, Fragen nach der ganz individuellen Entwicklungssituation zu stellen: Hat diese Schülerpersönlichkeit das eigene Handeln wirklich im vollen Bewusstsein für die Folgen wahrgenommen? Hat das Geschehen möglicherweise eine solche innere Anspannung beim Kind ausgelöst, dass ein ruhiges Anschauen und Eingestehen noch gar nicht möglich ist? 

Im Umgang mit einer solchen Situation bewährt sich die pädagogische Zielsetzung, zunächst in ein ruhigeres Fahrwasser des Besprechens und Klärens zu kommen. Vor allem gilt es, kein persönlich-moralisches Urteil zu fällen, sondern den Gedanken zu entwickeln, dass in seinem inneren Wesen der betreffende junge Mensch auch unglücklich über das Geschehene ist. Wie aber kann dieser innere Kern erreicht werden? 

In den ersten beiden Schuljahren ist noch der Weg über die »sinnigen« und »moralischen Geschichten« möglich: In der sinnigen Geschichte wird ein Naturzusammenhang als eine Metapher für die menschliche Entwicklung erzählt. Entscheidend ist dabei, wie dieses Bild sowohl die Wahrheit der Natur, als auch die Wahrheit eines menschlichen Charakterzuges trifft. Als Beispiel kann das Wesen eines Schäferhundes so erzählt werden, dass menschliche Werte wie Verantwortung, Treue und Tatenfreude im Klassenraum aufleben. In der moralischen Geschichte verwandelt der Erziehende etwas tatsächlich Vorgefallenes in das Bild einer Erzählung, die den Kern des Geschehens auf eigene Weise enthält: Wenn dieses Bild am nächsten Tag im Unterricht auflebt, bildet sich ein Raum, in dem sich die Schüler aus dem Strom der Erzählung heraus von ihrer inneren Seite her noch einmal frei zu dem Kern des Geschehens stellen können. Die verwandelnde, lösende Wirkung solcher eigens aus der Situation und für die Klasse entwickelten Wahr-Bilder ist meist unmittelbar spürbar.

Mit dem ersten Freiwerden neuer Denk- und Urteilskräfte in der Mittelstufe wächst einerseits die Empfindsamkeit für die Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit den Mitschülern und den Erziehern gegenüber. Andererseits zeigt sich im täglichen Schulleben, wie wachsam sich diese Empfindsamkeit vor allem auf das eigene Verhältnis zu Wahrheit und Lüge richtet. Die folgende Szene spielt sich in einer sechsten Klasse ab: Eine neue Schülerin ist in die Klasse gekommen. In den ersten Tagen und Wochen nimmt sie die zunächst fremde Gemeinschaft meist still und wachsam wahr. Dann entflammt in einer Pause ein heftiger Streit mit der benachbarten fünften Klasse um die »Rechte an der Tischtennisplatte«. Noch am selben Morgen werden die Schüler über den Hergang des Streites zur Rede gestellt. Als einzelne Schüler dieses und jenes erzählen, wird immer deutlicher, dass sie noch um den heißen Brei herumreden. Plötzlich hält es »die Neue« nicht mehr aus: Sie schlägt mit der Hand auf den Tisch, steht empört auf und ruft: »Zum Donnerwetter! Warum könnt Ihr nicht einfach mal sagen, was wirklich los war?« – Nach einem Moment des betretenen Schweigens kommt nun die ganze Wahrheit des Vorgangs ans Tageslicht. Offenbar haben die Empörung und Courage des Mädchens bei ihren Mitschülern den inneren, vorher noch von Schutzgebärden oder Ängstlichkeit überdeckten Willen zur Aufrichtigkeit getroffen. Auf die anerkennende Frage einer Mitschülerin, wie sie das denn habe wagen können, antwortete jenes Mädchen: »Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.«

Deutlich zeigen sich hier zwei Seiten der Wahrheitsfindung: Zum einen ist im äußeren Geschehen des Lebens etwas zur Wahrheit geworden. Zum anderen ist nun jeder beteiligte Mensch herausgefordert, seinen inneren Standpunkt dazu zu finden. Offensichtlich ist es dann für manchen schwer, dieses innere Urteil auch nach außen hin zu benennen. 

Die beschriebene Schulsituation zeigt, dass die Gemeinschaft durch die Wahrheitsliebe des Einzelnen einen Schritt nach vorne machen konnte. Offensichtlich steht der Umgang mit der äußeren Wahrheit in einem tiefen Zusammenhang mit dem inneren Menschenwesen. In der Art, wie sich der Mensch zur Wahrheit stellt, kann sich sowohl die Wahrheit als auch das innerste Wesen des Menschen zeigen. 

Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer beschreibt diese zwei Seiten mit folgenden Worten: »Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Die eine kommt von innen, eine kommt von außen, und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen.« 

Jugendlicher Wahrheitswille als Vorbild

Der Gedanke, dass das Erkennen der Wahrheit in der Welt mit der Fähigkeit innerer Selbsterkenntnis korrespondiert, führt zu weiteren Fragen des Mittel- und Oberstufenunterrichts. Die Biographien etwa von Nelson Mandela, Julia Hill, Mohammed Yunus oder Malala Yousafzai zeigen, dass menschliche und gesellschaftliche Fortschritte niemals ohne Widerstände, Zweifel und innere Umbrüche erreicht werden: Gerade dort, wo sich klare Urteile über das Weltgeschehen auf ein tiefes Erfühlen des eigenen Menschseins gründen, bildet sich eine Spannungszone zwischen dem Innen- und dem Außenerleben von Wahrheit, in der sich neue Fragen und Ziele entwickeln können. Im Blick auf ein solches Spannungsfeld schreibt Nelson Mandela: »Ich wollte die Welt verändern, aber ich vergaß dabei zunächst denjenigen zu ändern, den ich am besten kannte …« 

In der Begegnung mit den ersten Waldorf-Oberstufenschülern maß Steiner jener Außen-Innen-Zone der Wahrheitsfindung besondere Bedeutung bei. Nachdem einige Schüler der neunten Klasse einen Ort der Schule verunstaltet hatten, sprach er mit ihnen darüber. Deren Wille, das eigene Tun schonungslos beim Namen zu nennen, beschrieb er erfreut in der Konferenz: »Es sind eigentlich doch prächtige Jungen [...] Und in Bezug auf Selbsterkenntnis könnte mancher Erwachsene etwas von ihnen lernen. Sie beschönigten nichts. […] Sie sind von einem gewissen Wahrheitsgefühl erfüllt.« 

Im Blick auf den beschriebenen Weg des Wahrheitserlebens von der kindlichen Phantasie über die Schönheit zur Bildung eines selbst errungenen, durchdachten Urteils in der Oberstufe zeigt sich die Verortung des menschlichen Wahrheitsgefühls: Es bildet sich im freien Raum zwischen dem gedanklich-wachen Erkennen der äußeren Wahrheit einerseits und einem inneren Wahrheitswillen andererseits.

Dieser Wahrheitswille geht von der Kindheit an durch Metamorphosen. Wo er erwacht, ist er unbestechlich und bestrebt, Nicht-Zusammenstimmendes zu befragen und zu verwandeln.

Zum Autor: Claus-Peter Röh war 28 Jahre Klassen-, Musik- und Religionslehrer an der Freien Waldorfschule Flensburg; heute leitet er zusammen mit Florian Osswald die Pädagogische Sektion am Goetheanum in Dornach.

Literatur: R. Steiner: Pädagogischer Jugendkurs, GA 217, 9. Vortrag, 11. Oktober 1922, S. 130.; R. Steiner: Konferenzen mit Rudolf Steiner, Bd. III., Vortrag vom 12. Juli 1923; T. Tranströmer: In meinem Schatten werde ich getragen – Gesammelte Gedichte, Präludien I-III, Nr. II, Fischer 2013, S. 119.

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