Welches Geld für Rentner?

Von Hilmar Dahlem, Jon Gallop, Januar 2015

Der Altersversorgung liegen soziale Gesten zugrunde, die sich im Umgang mit Geld widerspiegeln. Ein Blick auf die realen Vorgänge hinter dem Schleier des Geldes kann helfen, die Antipathie zu überwinden, die das Thema Altersversorgung vielfach hervorruft – und Initiative wecken.

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Wir sind voneinander abhängig

Unser Bewusstsein hat es manchmal schwer, auf der Höhe der Zeit zu sein. So kennt sicher jeder die Momente im Alltag, in denen sich das Lebensgefühl des Selbst­versorgers ausbreitet: »Ich kann für mich alleine sorgen! Ich tue dieses oder jenes – und eigentlich brauche ich die Anderen nicht .« Bei genauerer Betrachtung können wir allerdings entdecken, wie extrem abhängig wir von Anderen sind. Ein Streik der Lokführer vermag diese Tat­sache schlagartig zu Bewusstsein zu bringen, aber wir können es auch an vielen kleinen Dingen tagtäglich beobachten: Wir leben in einer Welt der Arbeitsteilung und Fremdversorgung. Wir sind ständig darauf angewiesen, dass Andere etwas für uns tun – und die Anderen sind wiederum darauf angewiesen, dass wir etwas für sie tun. Wir leisten etwas für Andere und Andere leisten etwas für uns. In diesen vielfältigen sozialen Prozessen des Füreinander-Leistens ist Geld eine Art »fliegende Buchführung« (Lex Bos) der Ansprüche und Verpflichtungen.

Die Loopings des Geldes

Eine kapitalgedeckte Altersversorgung ist im ersten Schritt ein Kaufvorgang. Ich kaufe, in einer Art Ratenkauf, einen Versorgungsanspruch. Das ist ein Rechtsanspruch auf eine Leistung. Ist der Kaufvorgang abgeschlossen, erhalte ich die Leistung für die vereinbarte Zeit – wiederum in Geld. Würde die Versicherung das eingezahlte Geld lediglich horten, um es später zurückzugeben, dann wäre der Versorgungsanspruch nicht zu erfüllen. Das dann »gealterte« Geld hätte an Wert verloren. Die Aufgabe einer Versicherung ist es, den Wert zu erhalten – das Geld gewissermaßen immer wieder neu zu beleben. Aus dem »Haufen Geld« wird Kapital, das in Bewegung gebracht wird. Benediktus Hardorp hat den Gedanken von Kapital als Prozess anschaulich herausgearbeitet: »Kapital als Prozess, nicht als Sache – was soll es sonst sein? Eine Menge Geld vielleicht – wie viele naiverweise meinen? Doch nein – aus einer Menge Geld wird erst dann Kapital, wenn ein unternehmerischer Wille aus ihr – besser: durch sie – ein Instrument wertschöpferischen Wirkens macht.« Dieses wertschöpferische Wirken vollzieht sich in der Altersversorgung in der Kapitalanlage durch kontinuierliche Leihvorgänge. Größere oder kleinere Loopings gewissermaßen, mit denen das Geld immer wieder in den volkswirtschaftlichen Prozess gebracht wird – und dabei immer wieder verjüngt wird.

Welcher Wille steckt im Kapital?

Diese Leihvorgänge basieren auf dem Vertrauen in die Fähigkeiten des Leihnehmers, in der Zukunft etwas aus dem zur Verfügung gestellten Geld zu machen: Eine Schule zu bauen, ein Unternehmen, eine Kommune oder einen Staat bei seinen Investitionsvorhaben zu unterstützen oder vieles mehr. Durch den Leihvorgang wird Zukunft ermöglicht. Deshalb ist in diesem Zusammenhang die Frage so entscheidend, welche Zukunft wir ermöglichen wollen. Das heißt, welcher »unternehmerische Wille« in der Kapitalanlage wirkt – und für welche Vorhaben deshalb Leihgeld zur Verfügung gestellt wird.

Vor fast dreißig Jahren, als die Hannoverschen Kassen aus den niedersächsischen Waldorfschulen gegründet wurden, war damit auch die Möglichkeit gegeben, dem »unternehmerischen Willen« der Waldorf-Bewegung im Wirtschaftsleben eine stärkere Stimme zu geben. Bis heute sind die Hannoverschen Kassen diesen Impulsen eng verbunden. Zum Beispiel durch die ethischen, sozialen und ökologischen Werte und eine weitgehende Nachhaltigkeitsstrategie mit entsprechenden Anlagekriterien.

Betrachtet man die Vorgänge in einer Versicherung nicht rein technisch, dann kommt noch eine weitere Geldqualität hinzu: Das Schenkgeld. Die Versicherungsnehmer haben unterschiedliche Biographien und eine unterschiedliche Lebensdauer. Manche (A) leben kürzer – und erhalten dadurch weniger Leistung als im Kaufpreis als Anspruch für sie berechnet worden war. Denn der Anspruch wird empirisch als versicherungsmathematische Durchschnittsgröße berechnet. Andere (B) leben länger und erhalten mehr Leistung. Bei einer genügend großen Zahl von As und Bs gleicht sich beides aus. Im Grunde genommen ist dieser Ausgleich ein unbewusster Schenkvorgang, aus dem dann letztlich die Solidargemeinschaft entsteht.

Die sozialen Qualitäten des Geldes

Erst aus dem Zusammenspiel und dem bewussten Handhaben der drei Geldqualitäten Kaufen, Leihen und Schenken kann eine Versicherung soziale Qualität entwickeln. Mit Blick auf die Zukunftsaufgaben in der Altersversorgung muss deshalb eine zentrale Aufgabe sein, über die eigentliche Versicherung hinaus, besonders den Bereich des bewussten Schenkens aktiv auszuweiten. Schenken kann Freiheitsräume schaffen und Entwicklungen ermöglichen, an die man nicht einmal im Traum gedacht hat. Es kann helfen, dass wir über uns selbst hinauswachsen. Und genau diese Qualität werden wir in der Zukunft beim Thema Altersversorgung mehr und mehr brauchen.

Über uns selbst hinauswachsen, das kann zum Beispiel heißen, dass eine Schulgemeinschaft das Thema Generationenwechsel nicht als Problem, sondern als Aufgabe sieht – und daraus ein Entwicklungsprojekt macht, um die Zukunft hereinzuholen. Schenkgeld kann ein solches Projekt ermöglichen (der Sozialfonds im Waldorf-Versorgungswerk fördert in bescheidenem Rahmen solche Projekte). Es kann aber auch heißen, eine Initiative für ein Wohnprojekt zu beginnen oder vieles mehr. Schenkgeld oder Initiativmittel für solche Zwecke sind nach unserem Verständnis ein eigener Prozess. Sie können nicht aus den Versichertengeldern kommen.

Denn das Schenken beginnt mit einer freien Tat des Schenkers. Er tut dies mit der Intention, eine freie Tat des Beschenkten zu ermöglichen. Initiative und Schenkgeld sind dabei die Zwillinge, die in einem eigenen Prozess zusammen kommen können. Genügend Initiative, Überschusskräfte, in einem sozialen Organismus kann Anziehungskraft für Schenkgeld entwickeln.

Schenken kann aber auch ein Weg sein, auf besondere Lebenssituationen einzugehen. Zum Beispiel dort, wo jemand in eine wirtschaftliche Notlage gerät oder in eine gesundheitliche Krise. Kurzum Lebenssituationen, in denen man mehr oder anderes braucht als eine Versicherung leisten kann. Schenken kann hier angemessen und wirksam helfen, gerade weil der nächste Schritt des Betroffenen aus der Krise meistens ja nicht durch neue Schulden (Verpflichtungen für die Zukunft) belastet werden soll.

Dieses Schenken in Krisensituationen ist ein sensibler Vorgang. Tiefe, oft sehr bedrückende Einblicke in die Lebens­situationen der Betroffenen können entstehen. Achtsamkeit, Wertschätzung und Transparenz sind in diesen Prozessen unerlässliche Grundhaltungen der Geber. Eine soziale Form, die dies unterstützen kann, ist der Aufbau von Dreiecks­beziehungen: Mittelgeber – Treuhänder – Empfänger. Der Sozialfonds im Waldorf-Versorgungswerk, der Solidarfonds Altersversorgung mit dem Bund der Freien Waldorfschulen und das Instrument der Krankenbeihilfe sind nach diesem Prinzip aufgebaut. Mit allen drei Instrumenten bewegen die Hannoverschen Kassen mehr als eine halbe Million Euro pro Jahr.

Die Erfahrung zeigt, dass die Treuhänder-Rolle einer Versicherung in diesem Schenkprozess in beide Richtungen heilsame Wirkungen entfalten kann, weil sie das Freiheitsmoment des Gebers und gleichzeitig auch die Würde des Betroffenen wahrt.

Altersversorgung als Willensfrage

Adlerperspektive: Kontinuierliche Absenkung des Rentenniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung, schwierige Rahmenbedingungen für die private und die betriebliche Altersversorgung, demographische Entwicklung und natürlich auch Fragen der Haushaltsgestaltung an Waldorfschulen – zur Zeit entsteht eine brisante Mixtur. Es kommen Entwicklungen zusammen, die auch die Waldorfschulen beim Thema Altersversorgung für die Zukunft vor erheb­liche Herausforderungen stellen werden. Das ist natürlich eine Frage des Geldes, aber nicht nur.

Noch ein Adlerblick: Das Geldvermögen der privaten Haushalte betrug Ende 2013 rund 5,2 Billionen Euro. Zum Ende des Jahres 1993 lag das Geldvermögen der privaten Haushalte noch bei knapp 2,3 Billionen Euro (Statistisches Bundesamt). Das sagt natürlich noch nichts über die Verteilung. Diese Perspektive mag aber zumindest verdeutlichen: Es mangelt nicht an Geld. Aber es mangelt an Brücken zwischen Geld und Initiative.

Anders gesagt: an Anziehungskraft und damit vielleicht auch an dem »unternehmerischen Willen« für soziale Erneuerungen. Initiativen in diesem Sinne sind immer konkret: Menschen, die vor Ort Ideen entwickeln und realisieren wollen – möglicherweise unterstützt durch überregionale Partner und Netzwerke. So gesehen ist auch eine zukunftsfähige Altersversorgung eine Willensfrage. Wenn die Frage des Geldes und der Altersversorgung energisch ergriffen wird, werden auch in einer Schulgemeinschaft Konzepte entstehen, mit denen wir uns selbst positiv überraschen können. Konzepte, die soziale Qualitäten und Geld konstruktiv zusammenbringen.

Dafür müssen wir aber die rein materialistische Input-output-Betrachtung überwinden. Wir sollten den Mut haben, etwas tiefer in die Thematik einzusteigen und die Frage nach den realen Prozessen zwischen den Menschen und den sozialen Qualitäten zu stellen. Erst dann hat die soziale Intuition, die wir in der Zukunft noch dringender brauchen werden, eine Chance.

Zu den Autoren: Hilmar Dahlem und Jon Gallop sind Vorstandsmitglieder der Hannoverschen Kassen. www.hannoversche-kassen.de

Literatur: Benediktus Hardorp: Arbeit und Kapital als schöpferische Kräfte. Schriften des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship (IEP) der Universität Karlsruhe (TH), Band 16, Universitätsverlag, Karlsruhe 2008; Lex Bos: Leitbilder für Sozialkünstler, Dornach 1996

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