Wer hat den Hut auf?

Von Henning Kullak-Ublick, Januar 2010

Waldorfschulen haben ihre einzige Berechtigung darin, dass Eltern – für ihre Kinder – sagen: »Wir sind so frei … und wählen unsere Schule selbst.« Niemand zwingt sie, ihre Kinder gerade an diese Schule zu schicken – ganz im Gegenteil: Sie müssen jedes ihrer Kinder über das Schulgeld eigens vom Staat freikaufen. Und trotzdem entscheiden sich immer mehr Eltern, genau dies zu tun und initiativ in die Bildung ihrer Kinder einzugreifen. Halleluja, wir werden mündig!

Sind die Eltern deshalb die Auftraggeber und die Lehrer ihre Angestellten? Oder: Wer hat an einer Waldorfschule eigentlich den Hut auf und wer dient wem?

Die beiden wichtigsten Voraussetzungen für ein fruchtbares pädagogisches Leben an einer Schule sind Vertrauen und Begegnung auf allen Ebenen der Zusammenarbeit. Vertrauen kann man nur schenken, niemals fordern, Begegnung ermöglichen, aber nicht erzwingen. Beides sind sehr verletzliche Güter, zu deren Pflege sich Eltern und Lehrer mit Blick auf ihre gemeinsamen Aufgaben immer wieder neu entschließen müssen. Das Herz einer Waldorfschule schlägt umso gesünder, je mehr es gelingt, alle organisatorischen Belange darauf auszurichten, dass die Verantwortungsfähigkeit, Initiativkraft und Kompetenz der Handelnden gestärkt werden.

»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen«, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Waldorfschulen sind pädagogische Dörfer, in denen Eltern, Lehrer und Kinder nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch zusammen leben. Sie gedeihen nicht durch einen Wust von Zuständigkeiten, sondern durch die Übernahme von konkreter persönlicher Verantwortung. Lehrer können nur verantwortlich arbeiten, wenn sie mit ihren Schülerinnen und Schülern selber unterwegs sein dürfen und sich nicht dauernd für ihr Tun oder Lassen rechtfertigen müssen. Sie brauchen Freiheit, damit sie auch das Ungesagte hören können, das sich in der Begegnung mit den Kindern manchmal erst ganz leise und allmählich erschließt, und sie brauchen den Mut, damit pädagogisch, also schöpferisch, umzugehen. Dass sie dabei zuverlässig sein und etwas könnenmüssen, ist eine Selbstverständlichkeit. Eltern wiederum müssen sich darauf verlassen können, dass sie mit ihren Fragen und Anregungen ernst genommen werden.

Lehrer sind empfindlich, Eltern auch. Die Erfahrung zeigt, dass sich das Schulklima deutlich verbessert, wenn Eltern und Lehrer in allen Gremien und Konferenzen zusammenarbeiten, dabei aber die Entscheidungen an diejenigen delegieren, die sie handelnd zu verantworten haben. Die müssen den Hut aufhaben, solange ihr Mandat währt. Eine Schule gehört niemandem. Schule entsteht im Moment. Sie wird auf Zeit verliehen. Und die Auftraggeber sind die Kinder.

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule.

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