Wohl denn mein Hirn, nimm Abschied und gesunde…

Von Gerald Hüther, September 2011

»Panta rhei«, alles ist in Bewegung, alles entwickelt sich und nichts bleibt so, wie es einmal war. Heraklit soll dieses Bild eines dahinfließenden Flusses gefunden haben, um das zu beschreiben, was sich wohl nur mit einem menschlichen Gehirn begreifen lässt: Die Welt, in der wir leben, verändert sich, wir selbst auch.

Weil sich alles verändert, sind wir auch immer wieder gezwungen, die bisherigen Vorstellungen, die wir uns von der Welt und von uns selbst gemacht haben, an die jeweils neu entstandenen Gegebenheiten anzupassen. Bereitwillig übernehmen wir dabei all jene Ideen, die uns hilfreich für die eigene Lebensgestaltung erscheinen. Aber das Loslassen einmal gewonnener Überzeugungen fällt uns schwer. Vor allem dann, wenn sie sich als hilfreiche Orientierungen erwiesen haben. Aber auch dann, wenn es sich um Vorstellungen handelt, die wir mit vielen anderen oder für uns besonders wichtigen anderen Menschen teilen. 

»Ich denke, also bin ich« war zu kurz gedacht

Das hatte offenbar auch schon Karl Marx leibhaftig erfahren und auf eindrucksvolle Weise in einem Satz auf den Punkt gebracht: »Ideen sind wie Ketten, derer man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen.« Ohne es zu ahnen, hat er mit dieser Erkenntnis genau das vorweggenommen, was die Hirnforscher, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mit ihren Befunden über die Kopplung unserer Vorstellungen mit unseren Gefühlen mit ihren neuen, bildgebenden Verfahren bestätigen: Das alte »cogito, ergo sum« muss durch ein »sentio ergo sum« (Damasio) ergänzt werden.

Unser Denken ist enger mit unserem Fühlen verbunden, als wir das seit Descartes zuzugeben bereit waren. Die alte Vorstellung, wir seien in der Lage, mit unserem Verstand allein die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, hat sich als fataler Irrtum erwiesen. Offen­sichtlich ist es uns Kraft unserer Ideen und der daraus möglich gewordenen Abspaltung und Unterdrückung unserer Gefühle gelungen, die Welt nach unseren Vorstellungen zu verändern. Aber mit unseren Vorstellungen von einer »besseren Welt« haben wir nicht nur recht viel bewegt, sondern auch viel zerstört. Was wir hätten fühlen können, aber nicht fühlen wollten, weil es nicht zu unseren Vorstellungen passte, haben wir nicht oder erst viel zu spät erkannt.

Das Ende der Aufklärung

Nun ist die von uns auf diese Weise gestaltete Welt vor allem eines geworden: kompliziert, unüberschaubar und unkontrollierbar. Und jetzt geht es uns ähnlich wie dem Zauberlehrling, der den vermeintlich guten Geist, den er rief, wieder loszuwerden versucht. Was sich für die Verfechter der Marxschen Ideen von einer besseren Welt schneller als von ihnen erwartet bewahrheitet hat, steht uns mit unserer abendländischen Vorstellung von Weltverbesserung allerdings noch bevor: ein möglichst klagloser und wenig Aufsehen erregender Abschied.

So geht das Zeitalter der nackten Vernunft kleinlauter zu Ende, als es be­gonnen hatte. Die erst vor wenigen Jahrhunderten aufgekeimte Hoffnung, der Mensch sei mit Hilfe seines Verstandes und rationaler Entscheidungen in der Lage, Krieg und Elend, Not und Leid, sogar seine Ängste und Krankheiten zu überwinden, hat sich nicht erfüllt. Und glücklicher sind die Menschen auch nicht geworden, geschweige denn zuversichtlicher.

Die Experten der WHO prognostizieren für die kommenden Jahre einen dramatischen Anstieg von Depressionen und angstbedingten psychosomatischen Erkrankungen in den hochentwickelten Industriestaaten. Ein Mangel an Wissen kann die Ursache dafür nicht sein. Nie zuvor war Wissen in dieser Menge für so viele Menschen verfügbar. Die Mehrheit der Menschen in den Industriestaaten leidet auch nicht an einem Mangel an materiellen Gütern. Doch obwohl die ärztliche Kunst in diesen Ländern in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat und die medizinische Versorgung immer besser geworden ist, steigt die Zahl körperlich kranker und seelisch leidender Menschen ständig weiter.

Irgendetwas stimmt nicht. Genau das, was manche schon seit längerem geahnt oder gar prophezeit hatten, scheint jetzt eingetreten zu sein: Der nackte Verstand, mit dem wir bisher versucht haben, besser, weiter, höher voranzukommen, hat uns offenbar auf einen Irrweg geführt. Mit Hilfe unseres rationalen Denkens ist es uns zwar gelungen, alle nur denkbaren technischen Hilfsmittel zur Erleichterung des Lebens zu erfinden, aber die Probleme, die uns das Leben trotz all dieser Fortschritte bereitet, sind in den letzten Jahren eher größer als geringer geworden.

So stellt sich – erstmals seit dem Beginn der Aufklärung – wieder die Frage, ob der Mensch wirklich gut beraten ist, wenn er sich bei seinen Entscheidungen allein auf seinen Verstand und seine Fähigkeit zum rationalen Denken verlässt. Die Antwort auf diese Frage ist nach allem, was wir in den letzten Jahren an neuen Erkenntnissen über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns in Erfahrung gebracht haben, para­doxer Weise sogar mit wissenschaftlichen Verfahren beweisbar geworden: Der Verstand allein ist kein geeignetes Instrument, um sich damit in der Welt zurechtzufinden. Im Gegenteil. Je komplexer die mit Hilfe dieser Ratio gestaltete Lebenswelt wird, je stärker sich das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten des Menschen erweitert, desto mehr versagt das rationale Denken.

Der Ausweg aus dem alltäglichen Irrsinn

Das Zeitalter der Rationalität geht mit einer bemerkenswerten Erkenntnis zu Ende: Denken können wir, was wir wollen. Sogar Handeln können wir – zumindest eine Zeitlang – nach unserem Gutdünken. Aber um glücklich und zufrieden, mutig und zuversichtlich leben zu können, müssen wir in der Lage sein, etwas zu empfinden. Wir müssen also die Intelligenz und die Kraft unserer Gefühle wieder erkennen, schätzen und nutzen lernen. Nur so können wir einen Ausweg aus dem Irrsinn unserer gegenwärtigen Lebenswelt finden, in den uns der Einsatz des nackten Verstands geführt hat. Wir müssen versuchen, die verloren gegangene Einheit von Denken, Fühlen und Handeln, von Rationalität und Emotionalität, von Geist, Seele und Körper wieder zu finden. Sonst laufen wir Gefahr, uns selbst zu verlieren.

Wir werden Abschied nehmen müssen von der noch aus dem Maschinenzeitalter stammenden Idee, der Mensch sei zerlegbar und reparierbar wie ein Auto. Wir werden auch Abschied nehmen müssen von der gegenwärtig noch mit viel Emphase von manchen Hirnforschern propagierten Vorstellung, man müsse nur das Gehirn eines Menschen hinreichend gut analysieren, um zu verstehen, was er denkt, wie er fühlt und weshalb er so handelt, wie er das tut. Und wir müssen uns von einer weiteren falschen Vorstellung verabschieden: Dass all das, was im Gehirn eines einzelnen Menschen vorgeht, losgelöst von all dem betrachtet, analysiert und verstanden werden könne, was in den Gehirnen all jener anderen Menschen passiert, bei denen er aufwächst, mit denen er in Beziehung tritt, bei denen er lebt, arbeitet und seine Freizeit verbringt.

Das menschliche Gehirn ist ein Sozialorgan

Genau diese Erkenntnis haben nun auch die Hirnforscher bei ihrer Suche nach dem zutage gefördert, was unser menschliches Gehirn auszeichnet: Die wichtigsten Erfahrungen, die einen heranwachsenden Menschen prägen und die in Form komplexer neuronaler Verknüpfungen und synaptischer Verschaltungen in seinem Gehirn verankert werden, sind Erfahrungen, die in lebendigen Beziehungen mit anderen Menschen gemacht werden. Unser Gehirn ist also ein soziales Produkt und als solches für die Gestaltung von sozialen Beziehungen optimiert. Es ist ein Sozialorgan.

Das ist das erkenntnistheoretisch folgenreichste, unser bisheriges Weltbild am nachhaltigsten erschütternde und in seinen praktischen Auswirkungen auf unser künftiges Zusammenleben kaum zu überschätzende Ergebnis der neueren Gehirnforschung. Denn die Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn ein sich erfahrungs- und nutzungsabhängig entwickelndes Organ ist, bedeutet empirisch nicht weniger, als dass die soziokulturelle Entwicklungsumwelt, in der ein Mensch heranwächst, die neuronale Architektur seines Gehirns direkt mitbestimmt. Für unsere Vorstellungswelt heißt das, dass in der menschlichen Ontogenese »Natur« und »Kultur« genauso wenig voneinander abgrenzbar sind wie »Anlage« und »Umwelt« oder »Angeboren« und »Erlernt«.

Tatsächlich wird vor dem Hintergrund dieses Befundes klar, dass sich derlei Dichotomien einer neuzeitlichen Auffassung vom Individuum verdanken, die in ihrer Betonung der Individualität ein folgenreiches Missverständnis entwickelt hat. Das einsichtsfähige, vernunftbegabte und autonome Subjekt der Neuzeit emanzipierte sein Selbst von äußeren Steuerungen um den Preis der Einsicht in seine konstitutive und unhintergehbare Gebundenheit an Andere.

Menschliche Gehirne sind Organe, die ausschließlich in einem Netzwerk von anderen Gehirnen überlebens- und entwicklungsfähig sind. Die Hirnentwicklung lässt sich überhaupt nur als ein Prozess beschreiben, in dem im Rahmen von Beziehungen aus externer Regulierung von Emotionen, Bedürfnissen und Orientierungen zunehmend interne Regulierung wird. Das wirft die Frage auf, ob im Fall des menschlichen Gehirns funktional überhaupt sinnvoll zwischen ›außen‹ und ›innen‹ zu trennen ist.

Die Vorstellungen, die wir uns von der Welt und von uns selbst machen, verändern sich nicht von allein. Die müssen wir selbst verändern. Das gilt für die noch immer von vielen Menschen gehegte Überzeugung, dass unser Denken von unserem Fühlen abtrennbar sei. Das gilt auch für die Idee, dass der Einzelne ohne eine Gemeinschaft anderer Menschen, in die er hineinwächst, überlebensfähig sei, dass ein einzelnes menschliches Gehirn ohne die Leistungen der Gehirne anderer Menschen denkbar sei.

Das bringt unser bisheriges, das Eine vom Anderen möglichst säuberlich abtrennendes Weltbild gehörig ins Wanken. Aber damit etwas Neues entstehen kann, muss man wohl vom Alten Abschied nehmen, auch wenn es bisweilen recht schwer fällt.

Literatur: A. Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, München 2001; R. Friedenthal: Karl Marx. Sein Leben und seine Zeit, München/Zürich 1981; WHO: Psychische Gesundheit, Herausforderungen annehmen, Lösungen schaffen. WHO-Regionalbüro für Europa, Kopenhagen 2006

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