Angriffe gegen Rudolf Steiner von vielen Seiten

Von Robert Thomas, Dezember 2022

Die Pädagogik unserer Schulen hat Rudolf Steiner (1861 – 1925) im Jahre 1919 mit der Eröffnung einer Schule für die Arbeiterkinder der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart begründet. Das war revolutionär und wurde durch das finanzielle Engagement des Firmeninhabers Emil Molt (1876 – 1936) ermöglicht.

Prinzip dieser Schule ist, das im Kinde schon Angelegte zu fördern. Sie fusst auf dem von Steiner beschriebenen Menschenbild und seiner Geisteswissenschaft. Anthroposophie ist aber in unseren Schulen keineswegs Teil des Lehrplans, das war Steiner wichtig. Damals wie heute stört dieses anthroposophische Welt- und Menschenverständnis den traditionellen Wissenschaftsbetrieb und führt zu wenig fundierten Angriffen gegen Rudolf Steiner.

Eine immense Hinterlassenschaft

Das Gesamtwerk von Steiners Schriften und 6000 Vorträgen umfasst etwa 350 Bände. Tausende Notizblätter und mehr als 2500 Briefe werden noch für die Veröffentlichung bearbeitet. Viele Publikationen haben seine Vorträge und Bücher interpretiert, und die befürwortende oder auch kritisch-sachliche Sekundärliteratur zu Steiner wächst weltweit. Andere Beiträge versuchen, oft in polemischer Art, Steiner eine intellektuelle Täuschung, einen philosophischen und politischen Dilettantismus nachzuweisen. Sein künstlerisches Erbe, vor allem zur Malerei und Architektur, wurde international von Kassel bis Venedig, Paris und Tokio dokumentiert und zahlreiche Ausstellungen setzten sich damit auseinander.

Steiner gab auch bahnbrechende Anregungen für eine ökologische Landwirtschaft. Die von einer politisch und finanziell mächtigen Agrarindustrie marginalisierte biodynamische Wirtschaftsweise hat durch systematische Langzeitforschung bewiesen, dass biodynamisch bewirtschaftete Böden mehr Humus enthalten, eine höhere biologische Aktivität aufweisen, artenreicher sind und weniger Treibhausgase produzieren. In biologisch bewirtschafteten Böden ist die Masse der Mikroorganismen um etwa 30 Prozent und in biodynamisch bewirtschafteten Böden um etwa 60 Prozent höher als in konventionell bewirtschafteten 1. Diese Art der Landwirtschaft vitalisiert die Böden, kultiviert die Agrargesundheit und entwickelt seit 100 Jahren eine qualitativ hochwertige biologische Bewirtschaftung unserer Lebensgrundlagen. Sogar in Charm el-Cheikh bei der Weltklimakonferenz im November 2022 wurde sie als besonders zukunftsträchtig wahrgenommen.

Die von Steiner anthroposophisch erweiterte Medizin entwickelte Therapien, die in erster Linie das Immunsystem und die Lebensqualität des Patienten in Form der sogenannten Salutogenese stimulieren, die Gesundheit als einen individuellen stetigen Prozess begreift. Sie ist sozial akzeptiert und wird von der Mehrheit der europäischen Bevölkerungen weitgehend befürwortet. Diese Medizin verfügt auch über eine anerkannte klinische Erfahrung mit langfristigen chronischen Erkrankungen und dem sparsamen Einsatz von Antibiotika. Sie bietet nicht nur eine Therapie, die die Schulmedizin ergänzt, sondern auch eine Arzneimittellehre zur Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten.

Ferner ist die von Steiner geschaffene Waldorfpädagogik zu nennen. Sie wird in mehr als 50 Ländern in über 2000 Kindergärten und 1200 Schulen praktiziert. Ihr einzigartiges pädagogisches Profil kann sich an verschiedene Bildungssysteme und Kulturen anpassen. Die ganzheitliche und spirituelle Sicht des Menschen schafft ein verlässliches schulisches und soziales Umfeld, das den grundlegenden Erwartungen der Eltern entspricht 2 und ihre praktischen Erfolge sind unbestritten.

Verstehen und verstehen wollen

Um Steiner zu verstehen3, genügt es nicht, seine Schriften nur verstandesmässig zu verarbeiten. Es ist mehr nötig, um seine Gedankenwelt zu erschliessen – nämlich die willentliche Zuwendung zu den Inhalten: das Verstehenwollen.

Dabei stellt sich heraus, dass nicht der Mensch Rudolf Steiner problematisch ist, sondern dass sein Werk und seine Aussagen, seine Absichten und seine Projekte den Rationalismus (Vernunft und Logik) und eine positivistische Wissenschaft (die nur sinnlich überprüfbare Erkenntnisse anerkennt) weiterhin irritieren. Unermüdlich hat Steiner auf das Potential eines leibfreien Denkens aufmerksam gemacht. Während er von der akademischen Welt jahrzehntelang ignoriert wurde, hat sich in manchen wissenschaftlichen Communities und der öffentlichen Meinung heimlich ein Steiner-Bashing etabliert.

Wenn es darum geht, wirklich etwas zu wissen und zu verstehen, gibt es einige grundlegende Kriterien, die berücksichtigt werden müssen: die vorurteilsfreie Herangehensweise an das Thema, eine dem Forschungsgegenstand angemessene Untersuchungsmethode, die Kontextualisierung des behandelten Themas, die Definition des Forschungsmotivs und die Transparenz der Quellen sowie der bereits veröffentlichten Studien zu diesem Thema. Dies geschieht derzeit mit der systematischen kritischen Untersuchung von 36 schriftlichen Werken Steiners. Es ist interessant festzustellen, dass diese wissenschaftliche Publikation, deren Methodik Polemik und Dilettantismus einer populistischen und ideologischen Herangehensweise ausschließt, praktisch 100 Jahre nach Steiners Tod erscheint (Rudolf Steiner Schriften – Kritische Ausgabe, SKA, Hrsg. Christian Clement). Ebenso bemerkenswert ist, dass diese kommentierte Ausgabe von Steiners Werk in einem der Anthroposophie nicht nahestehenden Verlag erscheint.

Steiners Weltsicht beurteilen

«Ob Steiner mit seinen Warnungen und Vorhersagen Recht behalten wird oder nicht, kann vor dem Forum der Wissenschaft, die nur das Bestehende und Vergangene ins Auge zu fassen vermag, selbstverständlich nicht entschieden werden. Der Flug der Minerva beginnt, wie schon Hegel wusste, immer erst in der Dämmerung, wenn ‹eine Gestalt des Lebens alt geworden› ist und erst eine Wissenschaft der Zukunft wird darüber richten können. Sollte er richtig gelegen haben, so dürfte seinem Lebenswerk für die von ihm anvisierte Wissenschaft des sich entwickelnden Geistes eine ähnliche kulturgeschichtliche Bedeutung zukommen, wie dem Werk eines Aristoteles in der Geschichte der Philosophie oder dem eines Darwin in der Naturwissenschaft. Aber auch wenn Steiner sich grundlegend geirrt haben sollte, wird seine Vision als einer einzigartigen geistigen und kulturellen Leistung und kühnem und umfassendem Entwurf einer besseren Welt ein Platz in der Geschichte der grossen Gedankenleistungen gesichert sein. Gleichgültig aber, ob Steiner Zukunftsvision sich als prophetische Vorhersage oder als Fehleinschätzung erweisen wird: Die akademische Wissenschaft der Gegenwart hat sich heute, nach einem guten Jahrhundert der nur zögerlichen Auseinandersetzung, der ‹Herausforderung Steiner› in einer ihr angemessenen Weise anzunehmen. Indem im Jahr 2025 der einhundertste Todestag dieses ausserordentlichen Denkers und Kulturschöpfers heranrückt, ist sie aufgefordert, sich dem Steinerschen Werk endlich mit ihren besten Kräften zu stellen und ihm auf Augenhöhen zu begegnen4

Der gegenwärtige Wissenschaftler und Leser ist sich dieses auslegenden Ansatzes noch nicht bewusst, der es ihm ermöglicht, seinen philosophischen Ansatz und seine grundlegende Frage nach dem Konzept der Materie besser zu verstehen. Es ist wohl überraschend, dass diese Steinersche Untersuchung mit der von Merleau-Ponty (Philosophie der Wahrnehmung), Michel Foucault (Die Hermeneutik des Subjekts), Gilles Deleuze und auf einer anderen Ebene auch mit der eines Heinrich Pestalozzi übereinstimmt.

Das 19. Jahrhundert begann mit dem Erbe Kants und endete mit dem von Darwin und Haeckel, das 20. Jahrhundert begann mit Einstein und endete mit Solschenizyn. Erkenntnis ist nicht mehr eine Frage abstrakter Überlegungen über das Mögliche, sondern ist eminent mit den Forschungen der grundlegenden Physik (z.B. dem Quantenmodell) und der sozialen Frage verbunden. Steiners Explorationen untersuchen die Grundlagen des Erkenntnisprozesses in ihrer unmittelbaren Beziehung zur Freiheit und Verantwortung des Menschen.

Der Ausdruck «Nur was fruchtbar ist, ist wahr» wird Steiners Mentor Goethe zugeschrieben, und tatsächlich ist es die Praxis eines Projekts in der greifbaren Wirklichkeit und seine mittel- und langfristigen Folgen, die seinen ethischen, sozialen und wissenschaftlichen Wert beweisen.

Bisher erschienen viele aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, falsche Behauptungen und zweifelhafte Interpretationen, die oft kolportiert und nicht überprüft werden – angepasste intellektuelle Empörung, denn was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Ob Steiner Recht hat oder nicht, ist nicht die Frage, aber das, wovon er spricht, ist wesentlich in diesem Jahrhundert der existenziellen Herausforderungen, die einen gewissen Höhepunkt zu erreichen scheinen: Die radikale Zerstörung der materiellen und organischen Grundlagen unseres Planeten innerhalb weniger Jahrzehnte ist ohne Beispiel.

Die Zukunft des Planeten liegt in Menschenhand

Das noch junge Konzept des Anthropozäns verweist auf die individuelle Verantwortung des Menschen(T. de Chardin). Jedes Jahr verschwinden mehr als 26.000 Tier- und Pflanzenarten von der Erdoberfläche. 15 – 37 Prozent der weltweiten Biodiversität werden bis 2050 allein durch die globale Erwärmung verloren gehen – 15.000 Tierarten überleben, die Hälfte der Meeresarten ist verschwunden, drei Milliarden Vögel gibt es nicht mehr, 75 Prozent weniger Insekten in Europa.6 Und man muss sich ganz nüchtern fragen: Ist unsere Art des Denkens und Handelns realitätsfremd und obsolet? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war dieser Trend noch nicht klar erkennbar. Doch es gab damals Menschen, die in die Zukunft blickten, darunter auch Steiner.

Anarchist, Mystiker, Individualist, Staatsfeind, Antisemit oder Jude, Nonkonformist, Okkultist, Internationalist sind Bezeichnungen, mit denen man – je nach eigenem Standpunkt in der Welt – versuchte Steiner einzuordnen. Einige Bewunderer außerhalb der anthroposophischen Szene sind hauptsächlich Künstler (Kandinsky, Mondrian, Bruno Walter, Selma Lagerlöf, Kafka, Stefan Zweig, Saul Bellow, Joseph Beuys). Sie nahmen bei Steiner einen Ansatz wahr, der ihrem eigenen nahekam, einen Ansatz, der die spirituelle Weltanschauung erweitert und eine Stagnation des menschlichen Wissens und Handelns verhindert. Es ist in der Tat Steiners philosophischer Grundanliegen, Methoden des künstlerischen Ansatzes in die wissenschaftliche Forschung einzuführen, damit diese nicht nur auf die mathematische Interpretation reduziert wird. Es gibt kein Entweder-Oder, sondern sowohl das Eine wie auch das Andere. Fjodor Dostojewski («Nur die Kunst, wird die Welt retten») oder André Malraux («Die Zukunft wird spirituell sein oder nicht») haben sich wahrscheinlich nicht die nachhaltige Relevanz ihrer Aussagen vorgestellt, die Steiner in konkrete Projekte umsetzte.

Die Frage, die sich aus dem hier Beschriebenen ergibt, ist die nach dem intellektuellen und praktischen Austausch zwischen verschiedenen Denk- und Bewertungssystemen, die einen klaren, neuen und frischen Blick erfordern; die Scheuklappen der Vergangenheit stehen nicht mehr auf der Tagesordnung der heutigen Debatten. Der Dialog zwischen Tauben von gestern kann sich in ein lebendiges Gespräch verwandeln, das eine gemeinsame Basis schafft, die es ermöglicht, besser zu verstehen: Die Generationen der Zukunft werden es uns danken.

Anmerkungen:

1. Ökologischer Landbau. Grundlagen, Wissensstand und Herausforderungen. Hrsg. Bernhard Freyer. Haupt Verlag 2016

2. Barz, H. (Hrsg): Bildung und Schule – Elternstudie 2019, Einstellungen von Eltern in Deutschland zur Schulpolitik. Münster 2019

3. Brodbeck, H., 2018. Rudolf Steiner Schulen im Elterntest - Lob, Kritik, Zukunft. Norderstedt b Hamburg: PubliQation - Academic Publishing, BoD. | Brodbeck, H. u. Robert T. (Hrsg), 2019. Steinerschulen heute – Ideen und Praxis der Waldorfpädagogik. Basel: Zbinden

4. Christian Clement (Hrsg.): Rudolf Steiner Schriften – Kritische Ausgabe, Band 1, (Stuttgart 2013)

5. Pierre Teilhard de Chardin, Le phénomème humain. Essai philosophique. Ed. Le Seuil .1970

6. de.wikipedia.org/wiki/Insektensterben. Report des Weltbiodiversitätsrats (IPBES-Artenschutzkonferenz in Paris), Mai 2019

Robert Thomas ist Präsident des Vereins Steiner Schule Schweiz.

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