Schule und Politik

Von Ute Hallaschka, September 2015

Was soll ich tun? Diese Frage stellt sich angesichts der Flüchtlingsströme ganz konkret im eigenen Leben. Die Bilder kommen ins Haus, in die Seele. Sie erschüttern die Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit, in der wir leben. Ein kleines Kind liegt tot am Strand – vielleicht ist es der Badestrand meines letzten Urlaubs – wer hat es sterben lassen, wer ist schuld daran? Was soll ich sagen, was denken, was tun?

Sollen wir gegen den Krieg in Syrien protestieren, nicht mehr in Urlaub fahren? Und wenn die Eltern des toten Kindes am Strand nun aus Albanien gekommen wären? Wollten wir ihnen dann die Schuld am Tod ihres Kindes geben, weil Albanien ein sicheres Herkunftsland ist und sie unser Mitleid nicht verdienen, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt? Dies ist die erste Welle der Erschütterung durch die Flüchtlingsströme im imaginativen Raum der Seele. Denn dort leben wir ja längst real. Die Betroffenheit ist nicht mehr länger Gefühl, wie in analogen Zeiten. In der virtuellen Verflechtung und Verwicklung aller Prozesse der Weltwirtschaft betrifft sie die eigene Existenz. In den Augen aller Menschen, die weltweit in Not sind, leben wir hier im Himmel auf Erden. Das ist ein Spiegelbild, das wir nicht abwehren können. Wir sind im Spiegel ihre Doppelgänger. Die Monster von Krieg, Armut, Hunger, Elend, die sie aus ihrer Heimat vertreiben, sind Schattenwürfe unseres Wohlstands. Das ist die reale faktische Wirklichkeit, wie wir wissen. Wir haben die Erde mit einer Wirtschaftsweise überzogen, die den Algorithmen gehorcht. Sie basiert auf dem Automatismus von Minus und Plus. Jeder Gewinn, der irgendwo erzielt wird, hat automatisch einen Verlust auf der Gegenseite zur Folge. Das Prinzip der Spekulation. Wir können nicht argumentieren, nur ein Rädchen in diesem Getriebe zu sein, sonst verfallen wir der Banalität des Bösen. Wir müssen beginnen mit der Anerkennung eigener Verschuldung – mit ihr zu leben. Nicht aus schlechtem Gewissen, sondern aus der Übernahme der tatsächlichen Verantwortung, der Mitbeteiligung. Noch einmal: Was soll ich tun? Diese Frage spielt da, wo ich lebe, innerhalb meiner persönlichen Sphäre, meiner Identität. Unmöglich kann ein Lehrer jetzt diesen Weltprozess aus der Schule heraushalten. Dann ließen wir die Heranwachsenden allein mit den Bildern. Was soll ich sagen, angesichts des toten Kindes am Strand – wenn ich mich dafür verantwortlich fühle? Die Antwort kann ich nur aus individueller moralischer Phantasie schöpfen. Die Schüler sind es, die mir sagen werden, ob ich wahrhaftig gehandelt habe. Ob aus der Einbildungskraft, mit der ich das Weltgeschehen zu mir nehme, sich im Dialog das entwickelt, was ihnen zur Inspiration einer besseren Welt werden kann. Denn die Welt, wie sie ist, ist nicht gut, nicht human. Wir könnten damit beginnen, das zuzugeben. Aufzuhören mit den konventionellen banalen Lügen, wie sie in einer Formulierung wie »Freie Märkte« zum Ausdruck kommen. Nicht um Worte auf Goldwagen zu legen. Sondern um den Weg für ein wahrhaftiges Denken wieder freizumachen.

Zur Autorin: Ute Hallaschka ist freie Autorin

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