Von der Himmelswiese in die Kampfarena. Faszination Fußball

Von Fabrizio Venturini, Juni 2014

Fußball gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Sportarten in aller Welt. Er bezaubert und fanatisiert Massen – vor allem vor einer Weltmeisterschaft. Das Interesse ist besonders bei Kindern und Jugendlichen hoch. Was steckt hinter dem Phänomen Fußball? Und wie soll man es an der Schule damit halten?

Fußballspieler Wandbild in Tepantitla bei Teotihuacán (ca. 6. Jh.) Daniel Lobo - flickr.com

Fußballer im Matsch. Foto: Mr. Nico/photocase.de

Schon die alten Ägypter kickten

Verbreitet ist die Auffassung, das Fußballspiel sei im 19. Jahrhundert in England entstanden. Doch damals wurden nur die heute noch gültigen Regeln festgelegt. Das Spiel selber ist viel älter. Wer aufmerksam durch Florenz geht, stößt auf dem Platz vor Santa Croce auf eine Steinplatte aus dem Jahre 1689, die den schon im 15. Jahrhundert beliebten »Calcio« darstellt: ein Fußballspiel der Stadtbezirke gegeneinander. Bis ins 9. Jahrhundert reichen Zeugnisse zurück, die das Fußballspiel in der Normandie belegen. Es gibt Hinweise, dass das Spiel schon in der Antike bekannt war, zum Beispiel eine Stele, die einen mit dem Fuß Ball spielenden göttlichen Jüngling darstellt. Aus Ägypten gibt es ähnliche Grabbilder. Auch in Mittelamerika findet man verschiedene Darstellungen, die belegen, dass das Spiel zuerst allein den »Göttern« vorbehalten war. Doch die Geschichte des Fußballspiels reicht noch weiter zurück.

Nachahmung des Kosmos und Wehrertüchtigung

Die allerersten Ursprünge des Fußballspiels in China sind nicht belegbar. Durch Zusammenschau verschiedener Darstellungen ergibt sich jedoch folgendes Bild: Die erste Art des Spiels wurde auf der »Himmelswiese« des Kaiserhofes von im Kreis stehenden Artisten präsentiert, die den weichen Ball kunstvoll mit den Füßen und allen Körperteilen außer den Armen und Händen in schönen Bögen in die Höhe spielten, ohne dass er den Boden berühren durfte, während sie gleichzeitig mit beiden Händen lange Bänder schwangen. Letzteres erklärt, warum man die Hände nicht benutzen darf. Man vermutet, dass das Spiel kosmische Bewegungsabläufe symbolisierte und der Ball die Sonne darstellte. Die Bewegungen waren sanft und harmonisch; beim Flug des Balles kam es auf Abwechslung und Schönheit an, er sollte die schwingenden Bänder umspielen, ohne sie zu stören. Wettkampf, Mannschaften und Tore gab es noch nicht, erst zum Abschluss des Spieles wurde der Ball in ein Fangnetz befördert. Das Spiel war mehr Darstellung von etwas als Kampf um etwas (Theo Stemmler); es wurde nur dem kleinen Kreis von Eingeweihten um den Kaiser gezeigt, der die Symbolik der Himmelsbewegungen verstand. Die ersten Datierungen dieses Spiels reichen bis ins 3. Jahrtausend vor Chr. zurück.

Eine zweite Variante verbreitete sich nur wenig später. In den niederen Graden der militärischen Einweihung soll der legendäre Herrscher Huang-ti im Jahre 2697 v. Chr. das »ts'uh küh« (wörtlich: das Ballspiel, das mit dem Fuß gespielt wird) eingeführt haben, das bald sehr beliebt war. Es handelte sich um ein Mannschafts- und Kampfspiel, das in erster Linie der Wehrertüchtigung der Soldaten diente. Bei diesem Spiel sollte der Ball möglichst flach fliegen, weit getreten und in die Spielhälfte des Gegners getrieben werden – in England später »kick and rush« genannt. Stangen markierten das Spielfeld und die Tore ohne Netz. Alle waren »Torhüter« und »Verteidiger« beim Rückzug und alle »Stürmer« beim Angriff.

Es herrschte strenge Disziplin, um Chaos zu vermeiden. Beide Formen des Spiels blieben in Asien lange Zeit nebeneinander bestehen. Noch heute findet man Überreste davon. In der meditativen Balljonglage, im Japanischen »kemari« (»Sonnenball«) genannt, und dem kontrollierten Gegeneinanderspielen in einer volleyballartigen Version in China, bei welcher das Tor in der Mitte des Spielfelds über dem Netz angebracht ist, durch das hindurchgetroffen werden muss. Die kosmischen Bezüge des Ballspiels schimmern in der Spielerzahl Elf und in vielen Abmessungen immer noch durch.

Das Individuum tritt hervor

Warum das Spiel in Asien größtenteils in Vergessenheit geriet, lässt sich nur vermuten: Das Interesse an symbolischen »Himmelsspielen« könnte mit dem »Irdischwerden« der Menschen abgenommen haben und die militärische Variante passte wohl nicht in die Bemühungen, ein einheitliches Großreich zu schaffen: in China rückte das Organisieren großer Massen in den Vordergrund. Aber Fußball ist kein Spiel, das die Uniformität fördert. Die Auferstehung dieses Sports beginnt in Europa in der Renaissance, dem Zeitalter der Geburt der Individualität. Im modernen Spitzenfußball zeigt sich deutlich seine individualistische Tendenz: Die künstlerische Ballfertigkeit nimmt zu, der geniale Einzelspieler, dem einen Moment lang ein Freiraum geschaffen wird, führt die Mannschaft zum Sieg. Eine Meistermannschaft zu feiern, ohne die Einzelspieler zu kennen, ist undenkbar.

Kennzeichen des modernen Fußballspiels

Fußball ist sehr abwechslungsreich und kann spannend sein wie kaum ein anderes Spiel. Es vereinigt Athletik, Artistik und Taktik. Man muss lauffreudig sein, schnell, konditionsstark, ausdauernd; muss Ballgeschick haben, wendig sein, dribbelstark; muss Empfinden für die Stärke des Schusses haben und gut zielen können, um genaue Pässe zu schlagen; braucht Situationsgefühl, muss im richtigen Moment am entscheidenden Ort sein, verlässlich den Gegner decken und selber Überraschendes machen; man muss antäuschen, Finten schlagen, den Gegner ins Leere laufen lassen; man braucht ein blindes Verständnis für die eigenen Mitspieler, Freude am Zusammenspiel, Raumgefühl, Übersicht; man muss im geeigneten Moment auf Risiko spielen und im nächsten auf Sicherheit; man versucht dem Gegner die eigene Spielweise aufzuzwingen und ihn aus seinem Konzept zu bringen; man braucht Nervenstärke, motiviert sich selbst und seine Mitspieler und provoziert den Gegner. Man muss vor allen Dingen Tore machen: mit dem Fuß, der Hacke, dem Knie, dem Rumpf, dem Kopf oder Hinterkopf und mit all dem die Schüsse des Gegners verhindern. Fußball ist, wie ein berühmter Spieler sagte, »in Vollendung praktiziert, eine Kunst« (Alfredo Di Stefano).

Doch das wichtigste Kriterium, um das Eigentümliche des Fußballspiels zu erfassen, ergibt sich, wenn man auf das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft bei diesem Spiel achtet. Es herrscht ein ständiger Wechselbezug. Weder mit totaler Uniformität noch mit chaotischem Individualismus kommt man an die Spitze. Die Weltklasse zeigt sich in verschiedenen Varianten. Bei der WM treffen aufeinander: das meisterhafte Kurzpassspiel der Spanier, der Ballzauber der Brasilianer, die vielfältige Taktik der Italiener und Argentinier, die magischen Momente der Afrikaner, das technische Können der Asiaten, das ausgeprägt Athletische der Engländer, das Kollektiv mit genialen Individualisten bei den Osteuropäern, die starken Individualisten mit mannschaftlicher Disziplin bei den Deutschen. Und jede Mannschaft ist in der Lage, Überraschendes zu bieten, das von einem Einzelnen ausgehen kann und alle mitreißt, oder von der ganzen Mannschaft geschlossen gewollt und von jedem Einzelnen entschlossen umgesetzt wird.

Beim Handball fallen viel mehr Tore als beim Fußball, das viel öfter 1:0 als 5:4 und oft auch unentschieden oder torlos ausgeht. Dafür gewinnen beim Fußball die Spielzüge mehr an Breite, zeigen viele Möglichkeiten der Kombination, und vor allem treten die gelungenen oder misslungenen Aktionen des Einzelnen und natürlich seine Tore viel stärker in die Wahrnehmung und bleiben länger in Erinnerung. Fußball lässt sich in seinen Spielszenen goutieren und nachschmecken – darum ist es im Fernsehen so beliebt.

Gefährlicher Fanatismus

Problematisch an der heutigen Entwicklung des Fußballs sind die zu starke Erfolgsorientierung und der Fanatismus. »Hauptsache Tor, Hauptsache gewonnen« – diese Einstellung kann überhand nehmen bei Spielern und beim Publikum. Rudolf Steiner hat entgegen mancher Behauptungen nie etwas Abfälliges über den Fußball gesagt, wohl aber über den Fanatismus und die rohe Art der Fußballanhänger, die er bei einer Anreise zu Vorträgen in England am Rande erlebte. Das »Arena-Spektakel« hat Folgewirkungen. Es mündet in gewalttätige Ausschreitungen und die Sucht, um jeden Preis siegen zu wollen, frisst die Seelen auf. Bei Erfolg gerät man völlig aus dem Häuschen – die Spieler machen nach Toren einen Überschlag –, bei Enttäuschung beginnt der Betreffende unkontrolliert zu stauchen und zu treten. Von Kindern werden solche Gesten nachgeahmt und die Emotionen wirken auf ihre Seelenentwicklung. Darin lauern die »Abgründe des Sports« (Hermann Poppelbaum).

Das Fußballspiel in der Schule

Eine kindgerechte Pädagogik muss beachten, welche Anforderungen und Förderungen in welchem Alter angebracht sind. Beobachtungen beim Spiel von Kindern zeigen, dass beide ursprünglichen Arten, sowohl die mit Ballgeschicklichkeit verbundene Bemühung, den Ball in der Höhe zu halten, als auch die Variante mit dem Kicken und Rennen, früh geübt werden, noch bevor das Kind daran denkt, in einen Sportverein zu gehen. Solitär veranlagte Kinder üben mehr das eine, die eine prickelnde Aggression liebenden mehr das andere. Wer mehr zum Kosmos hin orientiert ist, liebt den schwebenden Ball in der Luft, wer mehr auf das Irdische gerichtet ist, den rollenden Ball am Boden. Doch so sehr die Kinder den Umgang mit dem Ball auch lieben: Zum Mannschaftssport müssen sie erst heranreifen.

Ein Erfordernis beim Fußball ist, dass der Körperschwerpunkt tief liegen muss, wenn man erfolgreich sein will; der Wille muss im Fußgelenk, ja in den Fußspitzen sitzen. Das ist normalerweise vor der Pubertät nicht der Fall. Bei der Frage, ob man Fußball an der Schule anbieten soll, empfiehlt es sich daher zu differenzieren: vor der Oberstufe eher nein. Ballgeschicklichkeitsübungen mit Händeklatschen an der Wand oder am Netz kann man schon früher machen lassen, Slalomlaufen mit dem Ball auch, aber gerade das Kicken, Schießen oder Köpfen ist in frühem Alter abträglich für das Finden eines gesunden Verhältnisses von Körper und Seele. Vermieden werden sollte in jedem Fall die Haltung, die die mechanischen Tippkickfiguren so deutlich vormachen: Man hält sie an der Brust, drückt auf den Kopf und schon schnellt der Fuß zum Kicken des Balls. Kinder, die in dieser steifen Art wild um den Ball kämpfen, befinden sich in großer körperlicher und seelischer Verletzungsgefahr, denn bei einem Stoß empfinden sie »der andere hat mich getreten« – und zwar »von unten«, also in gemeiner Art. Der »untere Mensch« kommt beim Fußball stärker zum Einsatz als bei anderen Sportarten. Fußball kann das Herunterkommen des Sonnenhaften auf die Erde und das Heraufheben des Selbstgefühls in die Illusion eines Wertes fördern. Dafür stehen Sprüche wie »Das Runde muss ins Eckige« und »Fußball ist unser Leben«. Er kann sich dabei aber auch mit Ruhm und Fanatismus sowie mit Geld und Macht verquicken. Es ist daher angebracht, im Pädagogischen vorsichtig damit umzugehen. – Allerdings ohne deswegen falsche Mythen zu erfinden: Fußball ist nicht aus dem Herumkicken von Totenköpfen entstanden und Rudolf Steiner hat niemals ein Verbot des Fußballspielens an Waldorfschulen ausgesprochen.

Zum Autor: Fabrizio Venturini, langjährig tätig als Dozent am Waldorferzieherseminar Stuttgart, in der Jugend Fußballspieler beim VfB Stuttgart.

Literatur: Theo Stemmler: Kleine Geschichte des Fußballspiels, Frankfurt am Main 1998; Sabrina Loi: (Mythos) Fußball – Eine Entwicklungsgeschichte, München 2007; Johannes Dräxler/Harald Braun: Kleine Philosophie der Passionen: Fußball, München 2006; Hermann Poppelbaum: Die Untergründe des Sports, Dornach 1973

Kommentare

Raul Guerreiro, Nuertingen, 25.06.14 21:06

Es ist sicher merkwürdig, dass just inmitten der Orgie Weltmeisterschaft 2014 ein Waldorfpädagoge über Fußball als Kunst spricht und dabei sogar Rudolf Steiner als Pro- bzw. Neutralfigur erwähnt. Das beinah faschistische Massenphänomen Fußball (zur Erinnerung: "faschistich" ist ein ganz natürliches und unpolitisches Urwort aus dem Latein "fáscis", was "ein zusammengefügter und zusammenverschnurter Haufe" entspricht) war zu Steiners Zeit gar nicht allseitig allmächtig wie heute. Unkulturell ist auch wie in dem Artikel das brutale zweite Gesicht dieses Phänomens versteckt bleibt: die Unterstützung von primitiven nationalistischen Antagonismen und Völkerfehden durch ein Meer von Fahnen und ein tierisches Schreien von Ländernamen, Nationalhymnen und Teammantrams. Alles intensiv medial begleitet von wütenden oder lachenden Gesichtern in close-up (praktisch als Konkurrenz zum physiognomischen Facebook Theater) und von einem nervenkitzelnden Fluss von Kampfmomenten in slow motion. Eigentlich ist das seit langem bekannt und hat einen Namen: Krieg. Wenn jetzt in Fußballstadien Bälle mit den niedersten Menschengliedern gegen Netze geschossen werden, geschieht weltweit und simultan eine zweie Schießerei: blutige Kämpfe wegen Ethnien und Blutsverwandschaften; grausames Menschengemetzel um kleinste Gebiete der Erde; hoffnungslose Flucht vor völkermörderischen Massakern; traurige Ruinen, wo bis vor Kurzem Kulturorte der Menschheit standen; totaler Kollaps der Erziehung für Millionen von Kindern; demütigende Sklavisierung von Frauen als Ersatz für ihre abwesenden kämpfenden Männer; bestiale Massenvernichtung von unschuldigem Leben durch Selbstmordattentate, und so weiter und so fort. Und alles das geschieht — wie in den fiebrigen Fußballkonfrontationen — in Accordarbeit mit Fahnen und martialischen Motiven. Fahnen sind seit Jahrhunderten die inspirative magische Ikone von Volksgeistern und deren Auseinandersetzungen unter einzelnen Menschen oder ganzen Völkergruppen. Die moderne Psychologie hat übrigens schon festgestellt, dass Fußballfans lediglich eine unbewusste narzisistische Gruppenillusion kultivieren, und dabei eigentlich nur ihren eigenen emotionellen Egos feiern. Von einem kulturellen und zivilisationellen Impuls für künftige Generationen kann kaum die Rede sein. Es ist also legitim zu fragen: Was für einen echten Friedensbeitrag leistet eigentlich dieses angeblich sportliche Spektakel auf der Erde? Ist Fußball nicht vielmehr (trotz der FIFA-gepflegten Friedensmaske) ein verschleierter Ersatz für das Megaspiel namens Krieg? Und wirkt Fußball in kathedralischen Stadien nicht wie ein geschmackloser Ersatz für die veraltete Sehnsucht des Menschen nach einer spirituellen Gemeinsamkeit in Tempeln? Der Dichter Friedrich Hölderlin schrieb einmal an seine Mutter: «Man kann jetzt den Menschen nicht alles gerade heraussagen, denn sie sind zu träg und eigenliebig, um die Gedankenlosigkeit und Irreligion, worin sie stecken, wie eine verpestete Stadt zu verlassen...».

Peter Näser, Nürtingen, 28.06.14 14:06

Lieber Raul Guerreiro,

Jeden Morgen, wenn ich in die Schule gehe, sehe ich Kinder in unser beider Schule kicken. Es ist ein Trieb. Ich möchte noch weiter gehen, als der Autor. Es ist für Kinder wichtig auch in vorpupertärem Alter zu spielen. SPIELEN nicht kämpfen. Als Spiel mit strengeren Regeln, den anderen zu achten schult es. Wir Erwachsenen meinen den Kindern im Spiel voraus zu sein?
Fussball ist genau so faschistisch wie jede andere Sportart oder wie Schach (geistig stärker als der andere?)?
Ich möchte dir also widersprechen. Wir sollten das Spiel der Kinder nicht ideologisieren. Nicht das hineintragen, was in der Sportindustrie daraus alles gemacht wird. Fussball schult das Soziale, schärft die Sinne und das Bewusstsein für den Körper und befriedigt die kindliche Lust am unschuldigem, freundschaftlichem Wettkampf, fördert auch den Respekt vor dem anderen..
Nichts für ungut für diese en passant getippten Zeilen.

Raul Guerreiro, Nuertingen, 01.07.14 12:07

Acht und zwanzig Millionen Menschen, praktisch ein Drittel Deutschland, standen am 30.6. ekstasisch paralysiert vor dem Bildschirm (ca. 92% Marktanteil für ZDF ohne Berücksichtigung von Zuschauermassen bei Public Viewings), als hörte das Volk, hypnotisiert durch alte Radiolautsprecher und angezündete Laternen, der Führerstimme in Berlin vor nur ein paar Jahrzehnten. In unmittelbarer Nähe unserer Waldorfschule habe ich übrigens gesehen wie Menschen massenhaft alkoholische Elixiere in zwei Supermärkten gekauft haben, Schüler unter den Augen von Pädagogen geraucht und miteinander mit zwei Daumen elektronisch kommuniziert haben. Beim Schachspielen macht niemand ähnliches. Wie die Welt nach einem nationalen Disaster à la "Deutschland verliert" sein würde weiss niemand (natürlich könnte jederzeit ein Meteor das Leben auf dem Planet Erde vernichten, das wäre aber etwas kosmisches, nicht Made by Man). Mein Kommentar bezog sich explizit und vor allem auf den animalischen Fußballkult und dessen schamlose Nähe zu Gewalt und unzivilisatorischer Agressivität. Biologen, Soziologen und Evolutionsforscher beschreiben nämlich Fußball wissenschaftlich als Krieg und Leid, als eine sportliche Variante alter Stammesfehden und als ein atavistisches Spektakel aus sexistisch-patriarchalischem Hauen und Treten. Innerhalb unserem zurzeit militärisch friedengeniessenden Mitteleuropa überträgt sich das auf brutale Konkurrenzkämpfe in Firmen, Mobbing in Schulen, Ehekonflikten, Selbstverwirklichungsdrang bei erkrankten Seelen sowie ein weitverbreiteter allgemeiner Stress um materialistische Werte. Das sind Realitäten, nicht ideologische Parolen, und sie wirken unmittelbar auf die kindlichen Seelen, indem sie eine antisoziale und verdorbene Lebensphilosophie nach "Gewinn & Erfolg" pflegen. Im Sinne unserer Waldorfpädagogik darf ich nun Rudolf Steiner selbst zitieren (er ist übrigens Namensgeber unserer Schule): «Ja, es gibt heute Sportleute, die gehen unter Umständen … rasch einmal morgens in die Kirche, da beten sie. … Dann gehen sie auf den Sportplatz. Ja, da sprechen sie es nicht mit Worten aus, aber was sie da tun, wenn man es in Worte fasst, so heißt das: Ich glaube ja nicht an einen Gott im Himmel. Der hat mir den Ätherleib gegeben, aber von dem will ich nichts wissen. Ich glaube an Fleisch und Knochen, das ist meine einzige Seligkeit. Sehen Sie, das ist natürlich die notwendige, unbewusste Folge desjenigen, was heute getrieben wird. Nicht bloß dadurch, dass man sagt, man will nichts wissen vom Geistigen, ist man Materialist, sondern durch solche Sachen, durch die man den ganzen Menschen losreißt vom Geistigen.» Und an einer anderen Stelle: «Es ist um aus der Haut zu fahren, wenn man all die modernen Sportgeschichten wie zum Beispiel Fußball und so weiter sieht, wie sie den Menschen mechanisieren und ihm nichts von dem einfügen, was in ihm geistig ist, so sehr man sich das auch einbildet. Alles, was man da anstrebt, ist ja ein Hohn auf das Geistige, so gut es auch gemeint ist.« Wer aber eine Aversion gegenüber den kulturellen Leitmotiven Rudolf Steiners hat kann auch bei Tolstoi in "Krieg und Frieden" lesen: «Ein Übel? Ein Übel? Wir alle wissen, was für uns ein Übel ist.»

Raul Guerreiro, Nürtingen

Rainer , Böblingen, 03.07.14 12:07

Lieber Herr Guerreiro,

bei dem was Sie beschreiben über Gewalt, Massenaufläufe, bedrohendem Spektakel und unzivilisatorischer Aggressivität... denke ich zunächst eher an Bilder im Zusammenhang mit dem "schwarzen Donnerstag" bei S21, an unverhältnismäßige Polizeieinsätze, an Bürgerkriege u.v.m., aber nicht primär an Fußball. Sollten wir nicht versuchen, genau hinzuschauen: Was gehört zum Fußball, was zu uns Menschen? Was kommt durch den Fußball, was durch uns Menschen? Wird hier der "Fußball" nicht instrumentalisiert?

Ich sehe leider häufiger, dass - auch in anthroposophischen Kreisen - "bedenkliches Verhalten" begründet wird mit dem Fußball selbst. Sind es denn nicht wir Individuen, die für unser Handeln verantwortlich sind? Warum bitte ist gerade der Fußball so schlecht und übel? Ist Fußball "schlimmer" als andere Sportarten wie Boxen, American Football, Rugby, Eishockey, Catchen, Formel1, Schießen, ... Oder ist Fußball nur populärer und steht damit mehr im öffentlichen Interesse und Fokus und bewegt mehr Menschen als anderes? Ist es der Fußball, der uns "faschistisch, narzisstisch, gedankenlos, alkoholisiert, aggressiv und brutal" macht?

Oder sind es die FIFA-Organisation, der unkontrollierte Fernsehkonsum, der übertriebene Materialismus, Kinderarbeit, Diktaturen, der hemmungslose Alkoholkonsum, die starke äußerliche und ebenso egoistische Ausrichtung unseres Lebens, die uns stören?

Es ist immer angenehm, einen Sündenbock und Buhmann als Feindbild zu haben, das macht die Sache so einfach und kanalisiert in eine Richtung. Doch ich denke, so einfach ist es nicht ... auch nicht mit dem Fußball. Der Fußball ist wesentlich differenzierter und bunter als das von Ihnen gezeichnete Bild.

Wenn wir über "Krieg und Frieden" sprechen, sollten wir in erster Linie über uns nachdenken und sprechen, dann vielleicht auch über Politik, Gesellschaftsformen, über Finanzen, über die EU, über TTIP, Massentierhaltung, NSA, Drohnen... aber nicht reflexartig über Fußball. Fußball ist ein Spiel und spiegelt sicher vieles, was mit uns Menschen zu tun hat, auch wieder. Wir sollten unseren Lebensstil, den Umgang mit der Welt, miteinander und mit uns selbst hinterfragen... aber dürfen dabei doch wohl weiter Fußball spielen und gucken. Ich tue dies am liebsten friedvoll und in der Gemeinschaft.

PS: Ein großen Kompliment dem Autor dieses Artikels - Glückauf ;-)

Raul Guerreiro, Nürtingen, 07.07.14 00:07

Warum eine Lamentation über "anthroposophische Kreise" hier plötzlich erscheint, ist etwas sehr nebulos. Es ist also sicher hilfreich daran zu erinnern, dass die Zeitschrift "Erziehungskunst" zu der Welt der Waldorfpädagogik gehört, was wiederum einer der vielen Arbeitszweige der Anthroposophie Rudolf Steiners darstellt. Die vorherigen Bemerkungen entstanden aber nicht aus einer "anthroposophisch"-dogmatischen oder irrationellen Antipathie gegenüber kindlichem Fußballspielen am Schulrand, zu Hause oder auf Spielplätzen, sondern aus faktischen wissenschaftlichen Wahrheiten bezüglich eines psychisch-affektiven Massenphänomens, welches dem zivilisatorischen Geist unserer Zeit (die Entwicklung der Bewusstseinsseele und des freien Geisteslebens) frontal widerspricht. Offensichtlich ist es deswegen schwer verständlich für manchen. Um die Wissenschaftlichkeit der Argumente zu unterstreichen, hier einige zusätzliche Informationen. Der Evolutionspsychologe Prof. Dr. M. Lombardo (Grand Valley State University) hat die Entwicklung vom Sport als ein Bedürfnis der Urmenschen untersucht. Seine Ergebnisse: Sport begann als eine Möglichkeit für Männer (nicht Frauen) ihre primitiven Jagd- und Kriegfähigkeiten zu entwickeln. Später wurde dies ein Schauspiel, wo Zuschauer Rivalen bewerten konnten. Moderne populäre Massensportarten entsprechen also meistens einer Suche nach Erfolg in männlich/männlich körperlichem Wettbewerb, wie früher bei Jagd und Krieg. Männliche Athleten erhalten heute, als moderne Version von Jägern und Kriegern sogar ein höheren sozial-sexuellen Status und einen unbegrenzten Marketingswert. Andererseits beschreiben die Psychologen Dr. B. Winegard (University of Missouri) und Dr. R. Deaner (Grand Valley State University) die massiven emotionellen Aufregungen von Fans als Nebenprodukt einer Stammespsychologie, also ein Überrest von primitiven Blutverwandschaftsmotiven, die sich jetzt als sportlicher Tribalismus zeigen. Prof. E. Cashmore (Staffordshire University) beschreibt ausserdem die heutigen Fan-Ansammlungen als Gruppen, die von einer "Marken"-Beziehung angetrieben werden. Vor etwa einem Jahrhundert waren die Ursprünge des Fußballs in der unmittelbaren Ortschaft verwurzelt. Es hatte eine soziale Funktion für männliche Persönlichkeiten, die sogar in der gleichen Kirche verehrt waren. Mit Fernsehen und Internet haben sich die Dinge geändert und Fußball wurde ein Produkt, das gekauft und verkauft werden kann wie andere Waren. Egal wo die Menschen in der Welt heute sind, alles ist jetzt emotionelles Konsumgut. Die anfängliche soziale Funktion des Fußballs ist verschwunden. Vor allem aber wird die intime Verwandschaft des Sports zur Gewalt strategisch versteckt. Das ganze Fussballspektakel in Brasilien zum Beispiel wird von einer ungeheueren Kriminalität begleitet, aber hunderttausende von Polizisten und bewaffnete Armeeeinheiten versuchen eine Fassade von Friedlichkeit zu sichern. Eine Episode während der Weltmeisterschaft 1994, genau vor 20 Jahren, illustriert abschliessend alles und liefert sogar einen Trost spirituellen Charakters. Bei der Konfrontation mit den USA verursachte der kolumbianische Torhüter Andrés Escobar ein Eigentor und wurde kurz danach mit sechs Schüssen in dem Kopf ermordet. Das Trauma sitzt bis heute tief in der Volksseele Kolumbiens. Kurz davor schrieb Escobar für eine Zeitung: "Bis später, denn das Leben endet nicht hier."

Raul Guerreiro, Nürtingen

Mauric , 17.10.16 10:10

Mal ganz erlich ich bin Schüler an der Waldorfschule und überzeugter Fussballer

Zu der Gewalt in Fussball kann ich nur folgendes sagen :
In so ein Fussball Stadion passen rund 50.000 Leute .Sind alle von denne Gewalttätig? Nein
Gewaltige werden heute nämlich gar nicht mehr hinein gelassen .

In den vielen Jahren wo ich jetzt auf der Waldorfschule war gab es genug Fälle von Kindern die sich zu "Emotional " benommen haben .
Ebenso gab und gibt es Lehrer/inen die intollerant sind
Aber Instrumentalisiert man das auf die Gesamte Waldorfschule ?

Raul Guerreiro, 13.11.16 21:11

Es ist interessant 2 Jahre nach Erscheinen des Artikels in der Erziehungskunst Maurics Kurzkommentar zu lesen. Seine persönliche Passion für Fußball ist absolut legitim und die Reihe von Kommentaren haben diesen Aspekt gar nicht berührt, weil es eine private Angelegenheit darstellt, die ausser Diskussion ist. Er misinterpretiert aber sehr kurzschlüßig die erwähnten sozial-psychologischen und wissenschaftlichen Studien, als deuteten sie auf ein allgemeines Profil von "Gewalttätigen" bei den Fußballzuschauern! Auch bei Zigarretenrauchern z.B. sind nicht alle Krebserkrankte, obwohl täglich 3.200 Menschen durch Nikotin sterben (ja, 133 pro Stunde – mehr als alle Kriege der Welt kombiniert). Interessanter und zutreffend (auch wenn distanziert von dem Hauptthema) ist trotzdem sein Nebenkommentar über "emotional" sein. Daß auch Pädagogen sehr emotional sein können steht ebenfalls ausser Diskussion, und nur ein Feind der Waldorfpädagogik würde das verallgemeinern und als Spott erwähnen.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen