Wo stehen Waldorfschulen politisch: rechts, links oder in der Mitte?

September 2018

Fragen an Wilfried Bialik, Geschäftsführer und Lehrer an der Freien Waldorfschule Gladbeck, und Manfred Schulze, Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Köln; beide sind Mitglieder des Sprecherkreises der Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen und des Arbeitskreises »Schulen gegen Rechts« in NRW.

Foto: © HerrSpecht/photocase.de

Erziehungskunst | Es wird vermutet, dass Waldorfschulen ein besonders attraktives Milieu für Personen aus dem rechten Spektrum der Gesellschaft darstellen.

Die Behauptung wird mit dem Hinweis auf drei Fälle gerechtfertigt, die in letzter Zeit bekannt geworden sind: In Braunschweig ging es um ein NPD-Mitglied, in Rendsburg um einen Reichsbürger und in Minden um einen Rechtsextremen. Gibt es darüber hinaus verlässliche Informationen, dass sich vermehrt Rechte an Waldorfschulen betätigen?

Wilfried Bialik | Mein erster persönlicher Kontakt aus dem Jahr 1998 an der Waldorfschule Hannover-Maschsee war bereits ein Erlebnis mit Verfassungsschutz, Boulevard-Medien und Fernsehanfragen. Damals ging es um die Familie B., die im rechtsextremen Milieu tätig war und über einen Fernsehbericht im Sender RTL zur Rassenproblematik befragt wurde: »An den Waldorfschulen gibt es keine Ausländer …«, »… hier wird das Germanentum noch gepflegt« und anderes mehr. Aktuell – gerade auch in den letzten zwei Jahren – häufen sich die Informationen von besorgten Schülern, Eltern und Lehrern, die durch Aussagen und das Verhalten von Eltern und auch Mitschülern den Eindruck gewinnen, es gäbe eine große Nähe zur »Siedlerbewegung, zu den »Reichs­bürgern«, zu »Identitären« oder auch Pegida und AfD. Nicht zuletzt die Aktivitäten von vereinzelten Waldorflehrern in rechten Gruppierungen geben Anlass zur Sorge.

Markus Schulze | Caroline Sommerfeld, die zu den Identitären gehört, veröffentlicht im rechten Antaios-Verlag. Sie war Mitarbeiterin in einer Waldorfschul-Küche in Österreich und ist wegen ihrer Äußerungen und Publikationen entlassen worden. Martin Barkhoff hatte ja schon vor einiger Zeit in der Zeitschrift »Das Goetheanum« die momentane Situation in Deutschland als Meinungsdiktatur bezeichnet und mit der NS-Zeit verglichen, wobei es ihm um die liberale Grundhaltung der Gegenwart geht. In diesem Zusammenhang hat er auch lobend Gauland erwähnt. Das sind meines Erachtens hinreichend verlässliche Informationen.

EK | Sollte man Kinder, deren Vater oder Mutter politisch in der rechten Szene aktiv sind, vom Schulbesuch ausschließen?

WB | Das ist eine Frage, die einer komplexen Antwort bedarf. 1998 wurde die Tochter von Neo-Nazis von der Maschsee-Schule verwiesen, da eine enge Zusammenarbeit in der schulischen Erziehung von Lehrern und Eltern gewährleistet sein muss. In diesem Fall stimmten die Ziele der Eltern überhaupt nicht mit dem überein, was die Waldorfpädagogik anlegt und anregt, um die Entwicklung der Kinder zu freien und selbstbestimmten Menschen zu ermöglichen. Die Kritik folgte auf dem Fuße. Der Spiegelartikel »Risse in der Seele« ist heute noch im Netz verfügbar.

Im diesem Fall handelte es sich um vom Verfassungsschutz bereits identifizierte Neo-Nazis, die mehrfach durch Aktionen und Gewalttaten aufgefallen waren. Das lässt sich meines Erachtens nicht ohne Weiteres auf andere Situationen anwenden. Es muss der Einzelfall betrachtet werden, aber vom Grundsatz her geht es um die Erziehung der Kinder. Der Blick auf das Kind steht im Vordergrund.

EK | Sind Ihnen auch Fälle anderer politischer Extrempositionen, zum Beispiel aus dem linksextremen oder religiös fundamentalistischen Milieu, bekannt?

WB | Aus dem linksextremen Bereich sind mir tatsächlich bisher keine Beispiele zugetragen worden, die Anlass zu Besorgnis geben müssten. Das heißt nicht unbedingt, es gibt sie nicht, aber sie scheinen nicht von Bedeutung zu sein. Was im Ruhrgebiet des Öfteren berichtet wurde, sind die auch an staatlichen Schulen vereinzelt vorgekommenen Auseinander­setzungen mit Eltern islamischer Religions­gemeinschaften, die insbesondere für Mädchen die Teilnahme am Schwimmunterricht, an Klassenfahrten oder anderen sozialen Aktionen ablehnen. Das sind also Beschulungsprobleme, die sich oft über Gespräche und Vereinbarungen regeln lassen, aber keine Unterwanderung oder Politisierung von Schule bedeuten.

EK | Wie frei sind die Waldorfschulen bei der Aufnahme ihrer Eltern? Spielen politische oder religiöse Einstellungen der Eltern bei der Aufnahme eine Rolle und wenn ja, wie verhält sich die Berücksichtigung solcher Kriterien zur Gesetzeslage oder gibt es keine diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen?

WB | Die Waldorfschulen sind grundsätzlich frei in der Aufnahme von Kindern in ihre Klassen, unabhängig von Herkunft, politischer und religiöser Einstellung und vor allem finanzieller Situation der Elternhäuser. Jede Aufnahme erfolgt nach individuellen Kriterien der einzelnen Schule, jedoch wird streng auf das Sonderungsverbot geachtet. Gesetzliche Vorgaben oder Vorschriften bestehen also insoweit nicht. Jedem Kind muss der Zugang möglich sein und daran halten sich die Schulen sicherlich auch.

EK | Betrachten die Waldorfschulen es als ihre Aufgabe, die Gesinnung und Haltung der Eltern zu überprüfen?

WB | Mit Blick auf das Bildungs- und Erziehungsziel der Waldorfschulen und der Waldorfpädagogik steht immer das Kind im Vordergrund. Um diesen Auftrag zufriedenstellend erfüllen zu können, muss eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern gewährleistet sein. Ist die Zusammenarbeit gestört oder zerrüttet, können die Ziele nicht erreicht werden. Ich möchte daher behaupten, dass eine rechte »Gesinnung« nicht mit den Zielen der Waldorfpädagogik und der Waldorfschule vereinbar ist.

EK | In der vor kurzem erschienenen Stellungnahme »Die offene Anthroposophie und ihre Gegner«, die in verschiedenen anthroposophischen Medien publiziert wurde, wird ein Zusammenhang von neo-nationalistischen und neo-autoritären Tendenzen im »anthroposophischen Umfeld« zu sogenannten Verschwörungstheoretikern hergestellt. Worin besteht dieser Zusammenhang konkret?

MS | Der Zusammenhang besteht darin, dass Verschwörungstheorien komplexe Sachverhalte in einer Weise vereinfachen, dass sie mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Ein Beispiel sind die humanitären Katastrophen im Nahen Osten und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme. Der Versuch, dieser Notlage wenigstens annähernd gerecht zu werden, wird zur illegalen Masseneinwanderung umgedeutet, die gezielt eingesetzt werde, um einen Bevölkerungsaustausch herbeizuführen.

EK | Sind die individuellen Positionen der Autoren der »offenen Anthroposophie ...« als offizielle Stellungnahmen der betreffenden Verbände oder Institutionen zu verstehen, da sie jeweils als Vertreter mit Angabe ihrer Einrichtung unterschrieben haben?

WB | Das möchte ich nicht bewerten. Jede persönliche Stellungnahme, die abgegeben wird, ist zunächst einmal eine individuelle Äußerung. Wird sie im Kontext der eigenen Tätigkeit für einen Verband oder eine Institution abgegeben, sollte dies auch deutlich zum Ausdruck gebracht werden. Nicht jede persönliche Äußerung ist gleichzusetzen mit einer Verbands- oder Institutionsmeinung.

EK | Worin besteht die Arbeit des Arbeitskreises gegen Rechts, der 2017 begründet wurde? Welche Ziele verfolgt er, was wird er konkret unternehmen?

WB | Der Arbeitskreis greift die Fragen und Probleme zu rechten Themen auf, die in den letzten Jahren durch die Schulen bekannt geworden sind. Argumen­tationshilfen gegen rechte Populisten, Erkennungszeichen der neuen Rechten, Entwicklungen und politische Unterwanderung kommunaler Strukturen, dies und vieles mehr wird Thema des AK in NRW werden. Zudem soll es konkrete Hilfestellungen für Schülerinnen und Schüler sowie Eltern und Lehrer an Waldorfschulen geben.

EK | Wie genau sieht die Beteiligung des Bundes der Freien Waldorfschulen an diesem Arbeitskreis aus?

MS | Die Initiative zur Gründung auf Bundesebene wird durch den Arbeitskreis Schulrecht und Bildungspolitik begleitet. Weitere regionale Gründungen sind in Planung.

WB | Der Bund der Waldorfschulen hat in den letzten Jahren – und auch bereits davor – einige Ansätze gezeigt, sich mit dem Thema »Rechts« und Waldorfschule stärker aus­einanderzusetzen. Die Veröffentlichung zu den Reichs­bürgern, veranlasst durch das Bundesvorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick, lag bereits lange vor dem bundesweiten Medieninteresse zum Thema Reichsbürger allen Waldorfschulen vor. Die inhaltliche Zielsetzung des Bundesarbeitskreises gegen Rechts – ein Name ist noch nicht gefunden – wird derzeit konkretisiert. Die Quellentexte, die originalen Texte Rudolf Steiners zur Waldorfpädagogik, die historischen Entwicklungen der Schulgründungen und die aktuellen Vorkommnisse in der Schulbewegung werden mit einzubeziehen sein.

MS | Hierzu wird es sicherlich Ende 2018 weitere Informationen geben.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.

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