Zum Corona-Virus

Von Albrecht Schad, September 2020

Die Veränderung der Lebenswelt durch den Menschen und ihre Rückwirkung auf den Menschen.

Ende Dezember 2019 tritt die neue Atemwegserkrankung COVID-19 (corona virus desease 2019) zum ersten Mal in der Millionenstadt Wuhan in China auf. Woher kommt das Virus? Das wissen wir nicht wirklich. Viren sind überall.

Und der Großteil der pathogenen Viren des Menschen stammt aus dem Tierreich und ist auf den Menschen übergesprungen. Auch sind Sars-Viren, zu denen das Corona-Virus gehört, nichts Unbekanntes. Beim schweren Verlauf einer Lungenent­zündung beim Menschen haben schon immer Sars-Viren eine Rolle gespielt. Wir leben also schon lange mit ihnen zusammen.

Vom Grippe-Virus kennen wir die Fähigkeit schneller Mutationen. Dies dürfen wir auch für Sars-Viren annehmen.

Das Corona-Virus (Sars-CoV-2) verändert unser Leben und unseren Alltag tiefgreifend (Stand Juni 2020).

Wie kommen wir wieder aus der Sache heraus? Impfen ist eine Möglichkeit. Aber dass es bald eine gute Impfung geben wird, ist nach dem jetzigen Stand eher unwahrscheinlich. Ansonsten: Immunisierung zulassen (Kindergärten, Schulen und Unis öffnen?), »social distancing« beibehalten und die Menschen, die einer Risikogruppe angehören, schützen. Dass sich die Mortalität nicht
wesentlich von der Influenza unterscheidet, ist möglich, aber aufgrund der unklaren Datenlage, nicht zu entscheiden. Es ist im Moment nicht leicht, sich festzulegen. Denn unser Wissen ist noch nicht ausreichend. Es bedarf weiterer Forschung. In sechs Monaten wissen wir mehr. Bis dahin sei allen geraten: Demut vor der Wirklichkeit.

Wann schaden Viren?

Viren haben eine Proteinhülle und darin etwas Erbsub­stanz. Damit verfügen sie über ein Programm, das die Teilung und damit die Vermehrung steuert. Aber sie können sich nicht selber vermehren, sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und sie können schon gar nicht reisen. Insofern sind sie umfassend unselbstständig. Sie können nur mit Hilfe eines Wirtes existieren. Die Biologen diskutieren durchaus darüber, ob Viren überhaupt im engeren Sinne »leben«. Die deutsche Virus- und Krebsforscherin Karin Mölling sieht allerdings gerade in Zusammenhang mit Viren den Ursprung des Lebens auf der Erde und betrachtet sie deshalb als Lebewesen.

Leben ist immer das Bilden von labilen Gleichgewichten. Im Laufe der Evolution sind sehr komplexe ökologische Gleichgewichtssysteme entstanden. In dem Moment, in dem der Mensch diese Gleichgewichte zu zerstören begann, wurden Viren frei, die zu menschlichen Krankheitserregern wurden. Wir können das schon seit dem Neo­lithikum nachweisen, als der Mensch sesshaft wurde und in die Naturzusammenhänge zerstörerisch eingriff. Die Folge: Masern- und Tuberkulose-Erreger sprangen von den Kühen, denen sie gar nichts gemacht hatten (apathogen), auf den Menschen über, der Keuchhusten-Erreger stammt von den Schweinen und die Grippe wurde von den Enten auf den Menschen übertragen (Atlas der Globalisierung). Wir kennen solche Beispiele auch aus jüngerer Zeit: Nach allem, was wir wissen, sprang der Erreger der AIDS-Erkrankung im Kongo von Makaken auf den Menschen über; ebenso in Indien und Bangladesch der Cholera-Erreger aus den Mikroorganismen im Brackwasser der Mangrovenwälder, die massiv abgeholzt wurden. Gleiches gilt für die US-amerikanische Massentierhaltung, bei der die Hälfte der Tiere mit EHEC infiziert ist (Entero­hämorrhagischer Escherichia coli, eine Mutante unseres normalen Darmkeimes E. coli, die blutige Durch­fälle und Nierenversagen verursacht). EHEC ist für den Menschen, aber nicht für die Tiere, schädlich. Über das Trinkwasser gelangen sie in den menschlichen Nahrungskreislauf und sorgen jedes Jahr für über 90.000 EHEC-Erkrankungen in den USA (Venegas-Vargas 2016).

2005 konnten Wissenschaftler das Virus der Spanischen Grippe mit dem Subtyp A/H1N1 rekonstruieren. Sie vermuten, dass das Virus damals im mittleren Westen der USA von Schweinen auf den Menschen übergegangen war.

Es scheint plausibel, dass in China auf den Wet-Markets, wo lebende Tiere, oft aufgestapelt in engen Käfigen, gehalten werden, das Coronavirus auf den Menschen übersprang. Auch die Erreger von SARS, Vogelgrippe u.a. neue Seuchen entstammen aus solchen beschämenden Verhältnissen oder aus der Massentierhaltung (Wallace, 2016).

In allen oben geschilderten Fällen lebten die Tiere mit den Viren zusammen, ohne dass sie erkrankten. Erst wenn der Mensch die Natur zerstört und/oder die Tiere unter furchtbaren Stress gesetzt werden, springen die Viren auf den Menschen über und/oder mutieren zu pathogenen Formen. Der Mensch schafft Bedingungen, die krankmachend wirken und wird damit Teil eines pathologischen Gesamtsystems, das auf ihn selbst zurückwirkt. So schreibt Thomas Hardtmuth: »Die Pathologie durch Mikroorganismen beginnt dort, wo wir die Auto­nomie-Sphären von Mensch und Tier missachten.

Seuchen brechen da aus, wo Mensch und Tier unter Dauerstress stehen, in Krisengebieten, wo Enge, Angst, Mangel und Natur­ferne bestehen, in der Massentierhaltung ebenso wie in großen Menschenansammlungen unter inhumanen Bedingungen« (Hardtmuth 2020).

Bedrohliche Umgestaltungen

Menschliche Zellen sind also die Träger des Corona-Virus. Dadurch sind aber nicht nur der Mensch, sondern ganz allgemein unsere Lebensweise, unsere ökonomischen Austauschprozesse sowie politische Strukturen die eigentliche Ursache für die Verbreitung des Virus.

Die biologische Funktionsweise des Virus macht die kulturelle und soziale Rolle dieses Geschehens deutlich. Der Mensch, in den sich das Virus einnistet, gestaltet unsere Erde um – zuerst langsam und kaum bemerkbar. Inzwischen wird das Ausmaß unserer Umgestaltung der Erde bedrohlich. Diese Umgestaltung, die Transformation des Planeten, bezeichnen wir als Anthropozän. Das Corona-Virus greift die vom Menschen geschaffene anthropozäne Welt an. »Durch die rasante Vermehrung des Virus und seine Weitergabe werden Strukturen und Defizite dieser anthropozänen Welt wie in einem Brennglas ausgeleuchtet und auf die Probe gestellt« (Scherer 2020).

Durch was zeichnet sich das Anthropozän aus? Wir haben uns eine Technik und Infrastruktur geschaffen, die inzwischen umfassend in das Leben der Erde eingreifen. Wir transformieren also nicht nur den Planeten, sondern bringen die Lebensprozesse der Erde aus dem Gleichgewicht. Wir bewirken den Klimawandel, also den Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen auf der Erde. Die Meere versauern. Wir haben einen beängstigenden Wasserverbrauch. Und wir haben in die Welt unvorstellbare Mengen an Plastik gebracht. In Form des Mikroplastik ist es inzwischen allgegenwärtig. Wir nehmen jeden Tag Mikroplastik mit der Nahrung zu uns. Wir kaufen im Supermarkt Fleisch. Wir sehen aber nicht, und wollen es zumeist auch gar nicht wissen, unter welch unerträglichen Umständen die Tiere in der Massentierhaltung gehalten werden. Wir quälen heute Tiere in einem Ausmaß, wie es das noch nie gegeben hat. Die Folge ist auch ein erheblicher Beitrag zur Bildung von CO2 und riesige Mengen an Fäkalien. Das Problem, das damit zusammenhängt, liegt darin, dass wir das alles nicht unmittelbar bemerken. Es scheint, als ob das oben Geschilderte unsichtbar wäre. Wir nehmen zwar Regen und Temperatur wahr. Aber wir haben keine Wahrnehmung für den Klimawandel, der sich über längere Zeit vollzieht. Wir sehen zwar weggeschmissene Plastikflaschen. Aber wir nehmen das Mikroplastik und was es möglicherweise in uns bewirkt, nicht wahr. Wir nehmen das Tierleid nicht wahr. Wir reisen zwar gerne und viel. Aber wir haben keine Wahrnehmung dafür, was das bedeutet. Was bedeutet es, wenn täglich mehr als zweihunderttausend Flugzeuge Millionen von Menschen und Waren um die Erde transportieren? Diese Mobilität wird zum Vehikel des Virus. Es scheint kein einziges Land auf der Erde zu geben, in dem es inzwischen nicht aufgetreten ist. Es gibt keinen Ort mehr, an den wir uns zurückziehen könnten, um ihm zu entgehen. Genauso gibt es keinen Ort mehr, an dem wir uns vor der von uns bewirkten Zerstörung und Vergiftung der Welt zurückziehen könnten. Damit »sind wir als Akteure immer auch Teil des Geschehens. Wir stellen permanent die Welt her, der wir dann auch ausgesetzt sind. Das Corona-Virus breitet sich dank der Mobilität seines Wirtes auf dem gesamten Planeten aus. … Wir müssen unser Handeln und Denken als immanenten Teil dieser Prozesse begreifen. Die Idee, dass wir mit unserem Wissen die Welt beherrschen könnten, erweist sich somit als Illusion« (Scherer 2020).

Wir haben den Bezug verloren zur Welt, zum Leben der Erde. Und wir haben den Bezug verloren zum Mit­menschen.

Kapitalintensive Technosphäre

Die exponentielle Zunahme unseres Wissens haben wir in den letzten Jahrzehnten vor allem dafür genutzt, unser Wissen technisch anwendbar und profitabel zu gestalten. Und es ist verbunden mit der Logik der Beschleunigung. Wir haben unser Wissen viel weniger genutzt für die Frage nach gesellschaftlichem Nutzen und Sinn für den Menschen und Nutzen und Sinn für die Erde. Dadurch haben wir in der Vergangenheit Strukturen geschaffen, die uns die Zukunft verbauen. »Die anthropozäne Welt beruht auf gigantischen technologischen Infrastrukturen, die sich über den ganzen Planeten erstrecken, ... Diese Infrastrukturen werden mehr und mehr digital miteinander vernetzt und entwickeln sich zu einer eigenen Sphäre, der Technosphäre. Die Technosphäre ist äußerst kapital­intensiv und führt zur Akkumulation von ökonomischer Macht« (Scherer 2020). Diese Strukturen werden durch die Corona-Krise aufgedeckt. Sie hat ungeheuer viel Geld abgezogen aus gesellschaftlichen Bereichen, die in diesem Sinne nicht produktiv sind. Dieses Geld fehlt vor allem im Gesundheitswesen, in den Schulen und in allen Bereichen des Sozialen, wie etwa der Pflege. Es fehlt der nachhaltig wirtschaftenden Landwirtschaft und der artgemäßen Tierhaltung. Die Erde und ihre Lebewesen werden gequält, ausgebeutet und vergiftet. Opfer des Virus sind vor allem die Menschen des Südens, die von den Prozessen der Globalisierung nicht profitieren, aber ihnen ausgesetzt sind. Man schaue sich nur an, was in Indien mit Millionen Wanderarbeitern gerade passiert, die ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren. Dadurch verarmen sie nicht nur noch mehr, sondern verhungern schlichtweg. Entsprechendes spielt sich völlig unbeachtet von uns in Afrika ab. Länder wie China oder Südkorea haben vorgeführt, dass die Virusbekämpfung scheinbar die totale Überwachung und Kontrolle aller sozialen Abläufe nötig macht. Das Versprechen der westlichen Moderne war lange Zeit, die Autonomie und die Freiheitsrechte zu garantieren. Das wurde erkauft durch die Ausbeutung der Natur und durch die Ausbeutung der Menschen, die nicht in den westlichen Staaten leben. In den letzten Jahrzehnten verwandelte sich dieses Freiheitsversprechen in das Recht auf unbegrenzten Konsum: Alles jederzeit kaufen zu können und jederzeit überall hinreisen zu können. Inzwischen führen wir auf jeder Ebene Krieg gegen alles, was mit dem Leben zusammenhängt. Und nun taucht aus dieser Lebenssphäre etwas auf, das Corona-Virus, das uns die Folgen unseres Handelns drastisch vor Augen führt.

Viren machen Leben möglich

Die Viren sind nicht nur Teil der Lebenswelt. Sie stehen am Anfang des Lebens. Sie sind überall. Sie spielen bei den Prozessen der Evolution eine zentrale Rolle. Etwa die Hälfte unseres Erbgutes ist viralen Ursprungs. Virales Erbgut findet sich lückenlos im Erbgut aller Lebewesen. Die Viren sind Teil jener Mikrobenwelt, die als periphere Lebenswelt das Leben der Erde und damit auch unser Leben möglich machen.

Dieser Krieg gegen das Virus zeigt in seinen Auswirkungen, dass wir ihn nicht werden gewinnen können. Plötzlich erscheint es akzeptabel, dass Grundrechte vorübergehend eingeschränkt werden. Plötzlich scheint es akzeptabel, die Wirtschaft in einem die Existenz des wirtschaftenden Menschen bedrohlichen Ausmaß herunterzufahren. Plötzlich scheint es akzeptabel, weitreichende Kontrollen auszuüben, verbunden mit dem Versprechen, das Virus verschwinden zu lassen.

Nein. Die Pandemie in Zusammenhang mit dem Virus Sars-CoV-2 gibt uns die Chance, die Möglichkeit, man könnte auch sagen, zwingt uns – neu zu überdenken, wie wir die Zukunft gestalten wollen:

Wir müssen ein neues Verhältnis zur Erde aufbauen, sonst werden wir sie noch mehr zerstören. Wir müssen wieder neu lernen, mit der Natur zusammenzuarbeiten.

Welche Technik können wir entwickeln, damit wir Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit den Naturprozessen betreiben können? Maschinen und Methoden, die es ermöglichen, dass wir keine Gifte mehr einsetzen? Die Erde und wir sind eines und gehören einer gemeinsamen Lebenssphäre an. Wir verdanken uns der Erde (Schad 2019). Wir müssen lernen, mit dem Leben zusammenzuarbeiten. Wir müssen uns immunisieren. Das Leben hat längst gelernt, mit Mikroben umzugehen. Wir müssen ein neues Verhältnis zum Mitmenschen aufbauen. Dazu gehört, dass wir alles tun sollten, den medizinischen Betrieb, den wir brauchen, nicht als etwas anzusehen, das profitabel arbeiten muss oder sogar Gewinn bringen soll. Hier muss wieder der Gedanke der Fürsorge für den anderen Menschen einziehen und nicht weiterhin das Streben nach Gewinn herrschen. Wir müssen gemeinsam die Frage beantworten, welche Welt wir wollen.

Zum Autor: Dr. Albrecht Schad unterrichtet als Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe die Fächer Biologie, Chemie, Geographie und ist Professor für Methodik-Didaktik der Naturwissenschaften an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur: Th. Hardtmuth: Anmerkungen zum Corona-Syndrom, 2020 | K. Mölling: Supermacht des Lebens, München 2015 | A. Schad: »Der Mensch und sein Leib, alles in Entwicklung«. In: Medizinisch-Pädagogische Konferenz, Heft 90, 2019, S. 43 ff. | B. Scherer: »Leben im Anthropozän – Die Pandemie ist kein Überfall von Außeriridischen«. In: FAZ, 3.5.2020 | C. Venegas-Vargas u.a.: »Factors associated with Shiga toxin-producing Escherichia coli shedding by dairy and beef cattle«, »Applied and Environmental Microbiology«, Bd. 82, Nr. 16, Washington, D.C., August 2016 | R. Wallace, R.: Big farms Make Big Flu: Dispatches on Influenza, Agribusiness, and the Nature of Science, New York 2016

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