Frühe Kindheit • Frühjahr 2022 • Ängste im ersten Jahrsiebt


Den Halt verlieren

Lisa ging immer gerne in den Garten, um im Sandkasten zu spielen. Meistens kochte und buk sie dort für die Puppenkinder, sammelte kleine Stöcke, Rindenstückchen, Blätter und Blüten zum Verzieren der »Speisen«. Käfern, Ameisen, Bienen und Hummeln begegnete sie auf ihren Streifzügen durch den geschützten Raum mit Staunen und Respekt, das Rotkehlchen war oft in der Nähe, wenn sie in der Erde grub. Der Garten war für sie ein erweitertes Haus – vertraut und doch voller Wunder und Geheimnisse. Eines Tages weigerte sie sich plötzlich und wollte auf gar keinen Fall mehr hinaus, weder zusammen mit dem Vater, der Mutter noch den Geschwistern. Gutes Zureden half nicht, sie fing nur an zu weinen, wenn man sie drängte. Lisa hatte Angst – schreckliche Angst vor den großen schönen Saattauben. Das Märchen vom Aschenputtel, in dem die Turteltauben Aschenputtel gegen die missgünstigen und bösen Schwestern helfen und diesen zur Strafe erst das eine und dann das andere Auge auspicken, hatte sie nachhaltig verstört. Der Paradiesgarten war zu einem Schreckensort geworden, aus dem sie ausgestoßen worden war. Lisas Angst konnte geheilt werden. Eines Tages stand ein hübscher Puppenwagen im Garten mit einem Brief von den Himmelsvögeln, in dem diese Lisa ihres Schutzes jederzeit versicherten. –

Angst und Vertrauen sind Urphänomene und Urgefühle, ohne die der Mensch nicht leben könnte. Die Angst bewahrt ihn seit jeher davor, Dinge zu tun, die sein Leben gefährden würden, das Vertrauen hilft, die Sicherheit zu haben, Situationen zu meistern. Doch Angst und Vertrauen sind mehr als nur Daseinssicherung. Mit ihnen berühren wir in besonderem Maße die Grenze zwischen Innen- und Außenraum. Das Gefühl der Angst kann so groß werden, dass unser Ich bis auf den allerkleinsten Punkt zusammen zu schrumpfen scheint und wir überwältigt werden von dem, was uns ängstigt, das Fremde, das Andere, das Unverstandene. Das kann bis in das Physische hinein gehen, wenn der Atem stockt oder im Bild gesprochen, dass Blut in den Adern gefriert. Es ist immer ein kleiner Todesmoment, den wir durchleben. Umgekehrt ist das Vertrauen mit dem Ausatmen verbunden. Wir geben uns der Welt hin, verbinden uns mit ihr mit unserem gesamten Sein.

Wir leben in einer Zeit der Angstkultur. Es gibt wohl kaum einen Bereich, der nicht angstbesetzt ist und von daher reglementiert und kontrolliert werden muss. Doch Angst schürt weitere Angst, wenn sie nicht angeschaut und als notwendiger Zustand der Begegnung mit mir selbst erkannt wird. Denn nur in dem ich spüre, dass ich nicht mehr eins bin mit der Welt, dass ich herausgefallen bin aus der Einheit und die Vögel mir die Augen auspicken können, kann ich überhaupt in Vertrauen auf mich und die Anderen handlungsfähig werden. Das beinhaltet einen Moment der Ungewissheit, aber auch der Freiheit: »Sich trauen heißt, einen Moment lang den Halt zu verlieren. Sich nicht trauen, sich selbst verlieren.« (Sören Kiergegaard)

Ariane Eichenberg


Inhalt • Frühjahr 2022


Thema

  • Karin Michael: Ängste im ersten Jahrsiebt. Zur Wirkung der Gefühle zwischen Eltern und Kind

Mensch und Initiative

  • Natalie Rehm: Erziehung beginnt mit dem ersten Atemzug

Mit Kindern leben

  • Petra Kühne: Mmmh ... lecker! Ernährung im Vorschulalter

Leicht gemacht

  • Ulrike Bishop: Einkaufen mit kleinen Kinder

Kindergartenpraxis

  • Sandra Küchlin: Es ist Frühling im Kinder-Gartenjahr

Blick in die Welt

  • Bruno Sandkühler: Kindergarten in Ägypten

Dialog

  • Nurtac Perazzo: Verschieden sind wir gleich.
  • Fragen an Georg Soldner: Kinder gegen COVID-19 impfen?

Kolumne

  • Gerda Salis Gross: Veränderungen

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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