Frühe Kindheit • Winter 2019


Gold des Sprechens

»Was ist herrlicher als Gold?«, fragte der König. »Das Licht«, antwortete die Schlange. »Was ist erquicklicher als Licht?«, fragte jener. »Das Gespräch«, antwortete diese. – Der kleine Dialog, welcher zwischen der grünen Schlange und dem goldenen König geführt wird, stammt aus Goethes Märchen, das den Höhepunkt und Schluss der Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter (1795) bildet. Eigenartig und sonderbar erscheint uns auf den ersten Blick die Bedeutungsverschiebung vom Gold über das Licht zum Gespräch. Galten doch seit Urzeiten Gold und Licht als Symbole des Göttlichen. Das Gespräch hingegen ist etwas ganz Menschliches, Irdisches. Ob es den Glanz des Himmlischen erhält, hängt von uns ab. Genaues Sprechen und ein genaues Hören sind dafür notwendig. Hören bedeutet, das Eigene verstummen lassen – Selbstlosigkeit –, sich ganz dem Anderen hingeben oder den Anderen ganz in mir aufnehmen mit seiner Stimme. Und Sprechen bedeutet, Vertrauen zu haben, dass der andere mich hören kann. Gespräch ist ein fortwährendes Hin und Her zwischen Ein- und Ausatmen, Einschlafen und Aufwachen, Hingabe und Aussprache. Es ist ein bewegter Prozess, in dessen unsichtbaren Zwischenraum sich eine Art Gefäß bildet, in das hinein sich Höheres gießen kann. Solch ein Gespräch hat dann Gold und Licht in sich aufgenommen.

Schon mit unseren ungeborenen Kindern führen wir Gespräche, bewusste und unbewusste. Sie hören uns zu, lange bevor wir das wissen. Werden sie geboren, dann knüpfen wir an dieses Gespräch an, führen es fort durch Blicke, Berührungen und Worte, die nun direkt an sie gerichtet sind. Auf diese Ansprache folgen dann die ersten zarten Antworten, ein Tönen, das zum Lautieren wird und schließlich zum Wort. Begeben wir uns in diesen Sprachwerdungsprozess mit all unseren Sinnen hinein, so können wir das gemeinschaftsbildende Element von Sprache wahrnehmen. Denn Sprache ist nicht etwas einsames, sondern immer etwas, was den anderen Menschen voraussetzt. Das zeigen die vielen Situationen von Kindern, mit denen in frühester Kindheit nicht gesprochen wurde und die in Folge nie richtig sprechen lernen konnten. Dabei ist die Wirksamkeit von Sprache auf die seelisch-geistige und physische Entwicklung nicht so sehr an Aussage und Information gebunden.

Sprache wirkt vor allem auf der Ebene des Klangs, des Rhythmus, überhaupt durch ihre musikalisch-poetische Geste. Sie beeinflusst damit unsere Atmung, das Gehirnwasser, den Blutkreislauf und trägt entscheidend dazu bei, wie sich unsere physische Organisation bildet: »Denn wir sind so, wie wir uns am Worte entwickeln« (Rudolf Steiner). – Sich am Wort entwickeln, dem Wort wieder Raum geben, um sich in diesem zu begegnen, ist auch ein Geschenk. Und vielleicht auch eines das im Sinne von Goethe mehr leuchtet als Glitzergold und Lichterketten.


Inhalt • Winter 2019

Thema: Sprechen & Sprache

  • Rainer Patzlaff: Sprechenlernen. Ein musikalisch-plastisches Meisterwerk

Mensch & Initiative

  • Maximilian Buchka: Geschichte des Waldorfkindergartens

Mit Kindern leben

  • Lorenzo Ravagli: Schneetreiben
  • Susanne Bregenzer: Ewig ein schlechtes Gewissen. Beichte einer Waldorf-Mama

Leicht gemacht

  • Frank Kaliss: Welches Bilderbuch soll ich meinem Kind schenken?

Kindergartenpraxis

  • Dagmar Scharfenberg: Das Völkchen in der Puppenecke
  • Barbara Leineweber: Die Bienenwachswerkstatt

Blick in die Welt

  • Nana Göbel: Waldorfkindergärten im Baltikum

Dialog

  • Die Würde des Kindes ist antastbar. Im Gespräch mit Gabriele Pohl

Kolumne | Müllers Meinung

  • Birte Müller: Weihnachtsperfektionismus

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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