Frühe Kindheit • Winter 2020


Vertrauen

Jede Geburt ist ein Wunder, das uns tief berührt und den Himmel für einen Moment wieder offen sein lässt. Auch für uns. Unbegrenztes Vertrauen bringen uns die Kinder entgegen, selbstverständlich und ohne Frage und den leisesten Zweifel daran, dass wir ihrem Sein zum Dasein verhelfen. Ihr Vertrauen ist Weltvertrauen – in die unmittelbare Umgebung, in die Menschen um sie herum, in deren Handlungen, Gefühle und Gedanken. Diese prägen sich der leiblich-seelisch-geistigen Konstitution des Kindes ein. Als moderner erwachsener Mensch allerdings fällt uns die kindliche Offenheit und Vorbehaltlosigkeit schwer. Mehr noch, Vertrauen und Urvertrauen als »Teilhabe im Geistigen und unverbrüchliches, unlösbares Gehaltenwerden im Geistigen« (Jean Gebser) müssen gegen Widerstand neu gewonnen werden. Unser Blick ist primär vor allem auf die eigenen Grenzen und Begrenzungen bedacht, zur Sicherung der Identität in unsicheren Zeiten.

Diese auch notwendige biographisch-kulturelle Entwicklung spitzt sich gegenwärtig zu, insofern die Sphäre des Misstrauens und der Angst immer größer wird, Begegnung, Miteinander und Offenheit fast unmöglich sind. Angst kommt von Enge – sie ist ein seelisches Phänomen, das in meine physische wie geistige Verfassung eingreift. Mit der Angst bin ich eingesperrt in meine eigene Körperlichkeit, reduziert auf einen Punkt im Gehäuse. Sie lähmt den Willen, lässt Gedanken einfrieren oder in unablässig verzweifelter Bewegung kreisen, der Atem gerät ins Stocken. Doch mit meinem Atem bin ich mit der Welt und den anderen Menschen verbunden, innen und außen werden durch ihn in eine fortwährende Beziehung gebracht. Angst ist so gesehen, ein Atmungsproblem.

Dass die Welt nun gerade von einer Atemwegserkrankung ergriffen wird, macht nachdenklich und verweist nicht nur auf globale, gesellschaftliche Missstände, auf das Verhältnis zur Natur, zu den Tieren, zu den Menschen an sich, sondern vor allem auch auf unser ureigenes Verhältnis zu uns selbst. Mit sich selbst in ein Gespräch zu kommen, das atmet, das beweglich ist und festgefrorene Gefühle und Gedanken auflöst, ist ein erster Schritt auf dem Weg in die innere und äußere Freiheit.

Rudolf Steiner sprach im Oktober 1922 zu Studenten von der Zukunftsaufgabe, die in der Fähigkeit, Vertrauen zu haben und zu bilden, liegt: »Vertrauen in ganz konkretem Sinn, individuell, einzelgestaltet, ist das Schwerste, was aus der Menschenseele sich herausringt. Aber ohne eine Pädagogik, eine Kulturpädagogik, die auf Vertrauen hin orientiert ist, kommt die Zivilisation der Menschheit nicht weiter. Die Menschheit wird gegen die Zukunft hin auf der einen Seite die Notwendigkeit empfinden müssen, alles soziale Leben auf das Vertrauen aufzubauen, aber sich auf der anderen Seite auch bekannt machen müssen mit jener Tragik, die darinnen liegt, wenn in der Menschenseele gerade das Vertrauen nicht in der entsprechenden Weise Platz greifen kann.«

Ariane Eichenberg


Inhalt • Winter 2020

Thema

  • Claudia Schüler: Kindererziehung – um was geht es wirklich?

Mensch und Initiative

  • Im Dialog mit der Schwerkraft. Im Gespräch mit Petra Lutz

Mit Kindern leben

  • Petra Thal: Das Dreikönigsfest in der Familie feiern
  • Richard Steel: Eltern-Sein ist eine Aufgabe – Geschwister-Sein auch

Leicht gemacht

  • Frank Kaliss: Advent – wirklich ankommen dürfen

Kindergartenpraxis

  • Ingrid Weidenfeld: Handgestenspiele – immer und überall zur Hand

Blick in die Welt

  • Li Zhang: Corona-Alltag im Waldorfkindergarten »Chengdu«

Dialog

  • Mütter sind keine Multifunktionswerkzeuge. Désirée Waterstradt im Gespräch mit Ariane Eichenberg

Kolumne

  • Birte Müller: Freundebücher

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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