Frühe Kindheit • Sommer 2021 • Elemente


Anziehung und Abstoßung

M. war gerade einmal ein gutes Jahr alt und konnte nur wackelig laufen, als sie begann, tagtäglich und sehr bestimmt in einem eigentümlichen Lautsingsang ihren einzigen Wunsch zu äußern, der in Sprache übersetzt hieß: »Schaukeln«. Hoch hinauf wollte sie fliegen und wieder heruntersausen. E. stapfte am liebsten durch die Heidelandschaft über Buckel und durch Mulden, bis sie den rechten Platz gefunden hatte und sich voller Hingabe in das raue Gras warf und auf der Erde zufrieden liegen blieb. L. liebte das Wasser – dort spielte er mit Steinen, dem lehmigen Boden, fischte nach Blättern, Ästen oder kleinsten Tierchen. Ging es an den See, so tauchte er nach allem, was zu sehen war, auch wenn er noch nicht schwimmen konnte.

F.s Leidenschaft war das Feuermachen. Allein und unbeaufsichtigt im Hinterhof schien es am interessantesten zu sein. Mit dem Großwerden wurde daraus eine Sammelleidenschaft für nicht gezündete Silvesterkracher. – Vier Kinder, vier Elemente, vier Leidenschaften. – Die Lehre von den vier Elementen geht auf die antiken griechischen Philosophen zurück, die jeweils unterschiedlich die Entstehung der Welt aus je einem Urstoff zu erklären versuchten, bis Empedokles, geboren um 495 vor Christus, die »vier Wurzeln aller Dinge« – Feuer, Luft, Erde und Wasser – zum ersten Mal zusammendachte. Die vier Elemente stehen von nun an gleichberechtigt nebeneinander und bilden das Fundament der Welt. Als solches sind sie unzerstörbar und zugleich immer in Bewegung, teilbar, mischbar und in fortwährender Neuordnung begriffen. Die Kräfte der Abstoßung und der Anziehung, »neikos« (Streit) und »philotes« (Liebe), wirken auf die Elemente in einem zyklischen Wechsel ein. Die Sphäre des Vollkommenen wird durch den Streit zerstört, die Elemente vereinzelt, auseinandergerissen, um dann wieder durch die Urmacht der Liebe vereint zu werden. In diesem Wechsel werden nach Empedokles Mikrokosmos und Makrokosmos regiert. Nun leben wir nicht mehr mit einem Bewusstsein wie die alten Griechen, glauben nicht an Götter und ihre Wirkmächtigkeit, oder daran, dass das Geschehen des Makrokosmos im Mikrokosmos sich spiegelt. Allerdings können wir dieses Welt-verständnis als eine Art Urbild nehmen, dass uns auch heute Orientierung und Sinn zu geben vermag.

Wir leben spürbar in einem Zeitalter der Abstoßung. Streit und Hass sind die treibenden Kräfte geworden. Die Fragen, die sich im Umgang mit Corona stellen, führen nicht zu Antworten, die einen. Ganz im Gegenteil, der Abgrund zwischen den verschiedenen Positionen wird immer tiefer. Und sicher sind wir noch nicht am tiefsten Punkt angelangt. Das Thema des Impfens kleiner und kleinster Kinder steht vor der Tür.

Bei Empedokles lebt der heilsame Gedanke, dass auf den Zyklus des Hasses, die Kraft der Liebe folgt und alles, was getrennt gewesen ist, wieder zusammenführt. Das kann vielleicht ein Hoffnungsstrahl sein, der in die Zukunft weist. Allerdings sind wir dabei gefordert. Die Götter werden es nicht mehr für uns richten.

Ariane Eichenberg


Inhalt • Sommer 2021

Thema

  • Corinna Boettger: Leben mit den Elementen
  • Melanie Lisges: Ton ist Erde

Mensch und Initiative

  • Zu Hause in der Natur. Über die Pädagogik in Waldkindergärten. Im Gespräch mit Rikke Rosengren

Mit Kindern leben

  • Susanne Altenried: »Hinübertreten in die Welt, die monden ist«. Die Bedeuteung des Schlafes für Kinder

Leicht gemacht

  • Tina Sabel-Grau: Auf der Suche nach dem (Familien-)Glück

Kindergartenpraxis

  • Tiere und Kindergarten. Im Gespräch mit Manfred Schulze

Blick in die Welt

  • Sabine Deimann: Botschafterin in einer anderen Welt. Eurythmie in konventionellen Kindergärten
  • Nana Göbel: Corona-Hilfen für Kindergärten in der Welt

Dialog

  • Birgit Krohmer: Gewaltprävention. Schutz der Kinder vor Übergriffen in Kindertageseinrichtungen

Kolumne

  • Birte Müller: Hühner-Lockdown

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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