Frühe Kindheit • Herbst 2020


»Lass mir Zeit«

Es ist ein warmer Herbsttag – wir sind hoch in die Berge hinaufgestiegen. Vereinzelt finden sich noch Blau-beeren, Preißelbeeren und hin und wieder eine letzte Himbeere. Verspätete Sommergrüße mit der blauen Pracht des Eisenhuts zusammen. An einer verlassenen Alpe machen wir Halt. Die Welt scheint still zu stehen hier oben, kein Laut ist zu hören. Das Kind heben wir aus der Kiepe, setzen es ab und gehen, um Wasser von der nahen Quelle zu holen. Als wir uns umdrehen, sehen wir das Wunder: Das Kind ist dabei, sich mitten in der hohen weiten Berglandschaft aufzurichten. Aus eigener Kraft sich auf seine Füße zu stellen und die ersten zwei, drei Schritte in seinem kleinen Leben zu machen. Der Blick ist offen und voller Freude auf uns gerichtet. – Diese ersten Schritte des Kindes, dann seine ersten Worte und Gedankenverknüpfungen schreiben sich meist tief in unser Elterngedächtnis ein. Eine gewisse Ehrfurcht lösen sie bei uns aus, zeigen sie doch, was Menschwerden in seiner Einzigartigkeit bedeutet. »Drei Dinge sind es, die jeder Mensch lernen muß: das Gehen – Sprechen – Begreifen … Durch das Gehen lernt er den Weg kennen, durch das Begreifen lernt er die Wahrheit kennen, durch das Sprechen gewinnt die Wahrheit Leben« (Rudolf Steiner). Man könnte daran anknüpfend sagen, dass der Mensch mit dem Gehen sich dem Irdischen zuwendet – Gehen ist eine Auseinandersetzung mit dem Gesetz der Schwerkraft – und durch das Denken dem Himmlischen – mit ihm erfassen wir die Gesetzmäßigkeiten der Welt – und durch die Sprache setzen wir beides in eine Beziehung miteinander, bauen eine Brücke von einer Welt in die andere.

Alle drei Tätigkeiten sind eng miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig. Bei allen gilt es, das von Emmi Pikler formulierte Motto für die kindliche Entwicklung zu berücksichtigen: »Lass mir Zeit, es selbst zu tun.« Einen Säugling in die Vertikale zu bringen, bevor er sich selbst aufrichten kann, ihn hinzusetzen, hinzustellen, bevor er das aus eigenem Willen und Können heraus tut, setzen den Hör- und Sehsinn erhöhter Reizüberflutung aus, da beide im aufrechten Zustand weitaus mehr angeregt werden. Haltungsschwächen, Haltungsschäden in der Wirbelsäule können als Folge dazu kommen und führen später zusammen mit der vermehrten Unruhe zu Aufmerksamkeitsproblemen und Lernschwierigkeiten. Auch das Sprechen benötigt seinen eigenen Raum und seine Zeit. Nicht auf die korrekte, begrifflich übergenaue Sprache kommt es an, sondern auf eine Sprache, die im Seelischen webt, die klingt und mit dem, was sie benennt übereinstimmt. Dadurch kann ein Wahrheitssinn sich entwickeln, der später zu einer klaren Gedankenbildung führt.

So schwer es vielleicht fällt, lassen auch wir uns Zeit, und geben den Kindern den »Atemraum« für ihre eigene Entwicklung – die alltäglich immer wieder stattfindenden Wunder können sichtbar werden – nicht nur in den Bergen.

Ariane Eichenberg


Inhalt • Herbst 2020


Thema

  • Philipp Gelitz: Gehen, Sprechen, Denken – typisch Mensch

Mensch und Initiative

  • Philipp Reubke: »Wir machen die Türe auf, wenn es klopft«
  • Cathy Seiwert und der Waldorfkindergarten Strasbourg

Mit Kindern leben

  • Christel Dhom: Unser täglich Brot
  • Birgit Krohmer: Medien in der frühen Kindheit
  • Johanna Bosse: Und wenn ich euch ansehe

Leicht gemacht

  • Tanja Berlin: Was hilft Kindern bei Husten?

Kindergartenpraxis

  • Tille Barkhof: Kinder tanzen Sprache
  • Eurythmie für die Kleinsten

Blick in die Welt

  • Nana Göbel: Waldorfkindergarten »Gelbe Lerche« in Eriwan

Dialog

  • Melanie Lisges: Was ist Partizipation?

Kolumne

  • Birte Müller: Corona als Chance?

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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