Bundesschülerrat der Waldorfschulen legt Arbeit nieder

Von Lorenzo Ravagli, Juni 2012

Zum 13. Juni 2012 hat der Bundesschülerrat der Waldorfschulen (WaldorfSV) seine Geschäftsstelle geschlossen und alle Projekte eingestellt. Bis auf den amtierenden Vorstand haben alle ehrenamtlichen Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt.

Grund für diesen spektakulären Schritt ist laut einem offenen Brief des Bundesschülerrates unter anderem die mangelnde finanzielle Ausstattung der Schülerselbstverwaltung. Mit einem Budget unterhalb von 3.000 Euro im Jahr, einer Infrastruktur ohne eine einzige hauptamtliche Stelle und dem Aufwand und Anspruch einer bundesweiten Schülervertretung sieht der Schülerrat keine Möglichkeit, seinen gewachsenen Aufgaben gerecht zu werden.

Die WaldorfSV hat in den letzten Jahren, insbesondere seit 2007, einen erheblichen Wandel vollzogen. Aus einem Tagungsnetzwerk für Open-Space-Tagungen wurde ein Bundesschülerrat, der eine ernsthafte, konstruktive und kritische Auseinandersetzung mit Waldorfschule betrieben hat.

Die WaldorfSV wurde offiziell Teil des Bundes der Freien Waldorfschulen und zum Gesprächspartner für Vorstand, Geschäftsstelle und Gremien. Neben den zwei großen, jährlichen Tagungen, auf denen gesellschaftliche, kulturelle und politische Themen sowie aktuelle Fragen der Waldorfpädagogik und der Schulen behandelt wurden, hat der Bundesschülerrat auch regionale Arbeitsgruppen gegründet.

Nicht nur die Ambitionen und Aufgaben, sondern auch der Aufwand sind jährlich gewachsen. In Offenburg wurde eine komplett ehrenamtliche Geschäftsstelle gegründet: SchülerInnen lernten Buchhaltung, stemmten Tagungsorganisation, Öffentlichkeitsarbeit, bearbeiteten Anfragen, stimmten Termine ab, bereiteten Sitzungen vor, um einen funktionierenden Betrieb für eine bundesweite Organisation mit Beteiligten aus allen Bundesländern zu ermöglichen, gemeinsam mit den wechselnden Vorständen.

Der Bundesschülerrat fordert in seinem offenen Brief die Einrichtung von hauptamtlichen Stellen, einen angemessenen Etat und eine Stimmberechtigung in der Bundeskonferenz der Waldorfschulen.

update 02.07.2012:

Henning Kullak-Ublick vom Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen versteht den Offenen Brief in einer ersten inoffiziellen Stellungnahme von seiten des Bundesvorstandes als Denkanstoß und nicht als Ausdruck der Resignation. Gegenüber den »Themen der Zeit« betont er: »Ich finde das Anliegen, aktiv an unseren schulübergreifenden Themen mitzuarbeiten, völlig berechtigt und möchte möglichst bald mit den Schülern darüber sprechen, wie sich das konkret umsetzen lässt. Wir brauchen eine starke Beteiligung der Schüler und können uns nur freuen, dass sie bereit sind, sich zu engagieren!«

Man werde sich im Bundesvorstand »gründlich« mit dem Brief auseinandersetzen, verspricht Kullak-Ublick und schlägt vor, bereits vor dem kommenden Selbstverwaltungskongress im Herbst in einer Arbeitsgruppe mit allen Beteiligten konkrete Lösungen zu erarbeiten.

Valentin Hacken, ehemaliger Geschäftsführer des Bundesschülerrates, begrüßt die Bereitschaft von Henning Kullak-Ublick, aktiv bei der Lösung der Probleme mitzuwirken. Auch er betont – laut Themen der Zeit – die Zusammenarbeit mit dem Bund sei immer fruchtbar und konstruktiv gewesen sei, hält allerdings die Lösung der in dem offenen Brief angsprochenen drei zentralen Punkte für unabdingbar für eine fruchtbare Weiterarbeit des Bundesschülerrates. Nach dem Herbstkongress »Selbstverwaltung« des Bundes der Freien Waldorfschulen werde auf jeden Fall noch die derzeit geplante und vorerst letzte Bundesschülerratstagung in der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten stattfinden.

Der offene Brief kann hier heruntergeladen werden.

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