Nobelpreisträger über seine Waldorfschulzeit: »Von Lehrern am stärksten beeindruckt«

Februar 2014

Das frühe Erlernen abfragbarer Leistungen wirkt sich nicht positiv auf die intellektuelle und geistige Entwicklung von Schülern aus. Hierin stimme er der Auffassung der Waldorfpädagogik »vollständig zu«, betonte Nobelpreisträger und Waldorfalumnus Prof. Dr. Thomas C. Südhof im Interview.

Celia Schönstedt, Prof. Dr. Thomas C. Südhof, Henning Kullak-Ublick.

Zwei Vertreter des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS), Celia Schönstedt und Henning Kullak-Ublick, hatten die Möglichkeit, den 59-Jährigen anlässlich eines Deutschlandaufenthaltes zu treffen. Sie befragten ihn zu seiner Forschungstätigkeit, seinem Leben als Nobelpreisträger sowie zu seinen Erinnerungen an die Waldorfschulzeit. (Videoaufzeichnung) 

Südhof, der 2013 mit zwei Kollegen zusammen für die Erforschung der Kommunikation zwischen den menschlichen Zellen mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, ist Absolvent der Waldorfschule Hannover-Maschsee, die er bis zum Abitur 1975 besuchte. Seit 1983 lebt und forscht er in den USA.

Auf die Frage, was er jungen Leuten heute empfehlen würde, die wie er damals nach dem Abitur nicht wüssten, welchen Berufsweg sie einschlagen sollten, meinte Prof. Südhof: »Sie sollten das machen, was sie wirklich interessiert und weniger nach Jobs und der Zukunft fragen«. Auch jungen Wissenschaftlern, die noch am Anfang ihrer Laufbahn stehen, rate er stets, in erster Linie ihren Interessen und Neigungen zu folgen.

Er selbst habe sich zunächst das Medizinstudium gewählt, weil es ihm viele Möglichkeiten eröffnet habe und der Beruf des Arztes ihm sinnvoll erschienen sei. Erst im Lauf des Studiums habe er sich für den Weg des Wissenschaftlers entschieden, weil er in der Medizin starke Unzulänglichkeiten erlebt habe: »Die Medizin versteht nicht, wie Krankheiten entstehen. Das war der Ausgangspunkt für mein Forschungsinteresse.«

Auf die Frage, was ihm von seiner Waldorfschulzeit am stärksten in Erinnerung geblieben sei, nannte Südhof vor allem die Persönlichkeiten der Lehrer. »Es waren sehr viele verschiedene Lehrer, die eigene Auffassungen hatten, aber auch die Toleranz, sie mit uns zu diskutieren«. Die Begegnung mit diesen Lehrern beeindrucke ihn noch heute. Da sei z.B. sein Klassenlehrer gewesen, der viel von seiner früheren Ausbildung als Geograph erzählt habe und davon, wie er als Forscher in Spitzbergen überwintert habe. »Das ist mir noch ganz stark im Gedächtnis«, sagte Südhof. Außerdem habe er in der Oberstufe mit den Lehrern immer wieder über Sinn und Zweck der Eurythmie debattiert.

In der Waldorfpädagogik sieht Südhof »viele Stärken«, die wichtigste sei die Erziehung zur Unabhängigkeit. »Dass man selber initiativ wird, das hat auch mit Kreativität zu tun«, meinte er. Später sei es nicht so wichtig, was man könne, sondern dass man Initiative ergreife und tatsächlich selber tätig werde. Einen weiteren Pluspunkt der Waldorfschule sieht der Wissenschaftler in ihrem Gesamtschulcharakter, der Schüler nicht zu früh selektiert. Verbesserungswürdig findet er im Rückblick auf die eigene Schulzeit den Dialog der Waldorfschulen mit ihrem Umfeld.

Gefragt nach den wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft im 21. Jahrhundert verwies der Nobelpreisträger – neben Klimawandel und durch Überwachung bedrohte Meinungsfreiheit – auf die Erforschung der Krankheiten des Nervensystems. Hier zeige sich erheblicher Forschungsbedarf sowohl bei den Jugendlichen mit Autismus, Depression und Schizophrenie als auch bei den älteren Menschen mit Alzheimer oder Parkinson. »Das ist eine wahnsinnige Herausforderung, weil wir nicht wirklich verstehen, was da passiert.«

Am Ende des Gesprächs standen Erfahrungen von Südhof mit den »Alumni Clubs« in den USA, da auch bei den Waldorfschulen derzeit ein Alumni-Netzwerk im Aufbau begriffen ist. Diese Einrichtungen seien »extrem hilfreich«, betonte der derzeit berühmteste Waldorf-Alumnus, weil man Menschen aus Schule und Studium einfach am besten kenne und sie oft zu den engsten Freunden gehörten. Dies hänge auch mit der Struktur des Gedächtnisses zusammen, das Zeit in verschiedenen Lebensaltern anders erlebe, erläuterte der Neurochemiker.

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