»Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug«

Juni 2018

Die Sommerferien nahen und damit auch die Zeugnisvergabe, doch bei dem Gedanken daran wird den Schülern vielerorts schon Angst und Bange, denn bei manchen ist sogar die Versetzung in Gefahr. Befürchtungen, die Waldorfschüler nicht kennen, da es an ihren Schulen kein Sitzenbleiben gibt und Notenzeugnisse auch erst frühestens ab der 9. Klasse üblich sind. Der Bund der Freien Waldorfschulen rät vor dem 15. Lebensjahr von Notenzeugnissen ab.

»Die Neurowissenschaften haben längst belegt, dass Angst, Stress und Druck die denkbar schlechtesten Vorbedingungen zum Lernen sind. Wir lernen niemals nur mit dem Kopf, sondern immer auch mit dem Herzen und durch aktive Tätigkeit«, betont Henning Kullak-Ublick, Vorstandssprecher im Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS). Während die gelernten Inhalte meist schnell wieder vergessen werden, bleibe das mit dem Lernen verbundene Gefühl bestehen und bestimme in hohem Maße die individuelle Beziehung zum Lernen im späteren Leben. Noten vor dem 14. Lebensjahr führten für viel zu viele Kinder dazu, Lernen als notwendige Last statt als spannendes »Tor zur Freiheit« zu erfahren, das sich ein Leben lang immer weiter öffnen könne, führt der langjährige Waldorfklassenlehrer aus.

Deshalb gebe es an den Waldorfschulen in der Unter- und Mittelstufe keine selektive Auslese mit Noten und kein Sitzenbleiben – aus pädagogischen Gesichtspunkten seien Noten ohnehin vollkommen überflüssig: »Notenzeugnisse sind pädagogischer Unfug«, sagt Kullak-Ublick. Der BdFWS begrüße daher, dass der Notendruck wenigstens für die jüngeren Jahrgänge auch an Schulen in staatlicher Trägerschaft allmählich reduziert werde. »Das ist gut, aber am Ziel sind wir erst, wenn nicht mehr eine Defizitorientierung über eine Schülerlaufbahn entscheidet, sondern das individuelle Können«, so Kullak-Ublick weiter.

In den Waldorfschulen gibt es bis zur Oberstufe keine Notenzeugnisse, sondern ausführliche Beurteilungen der Schüler, aus denen sie ihre Stärken und Schwächen ersehen können. »Ein ‚gutes Zeugnis’ ist eins, das den Kindern Mut macht, weil sie sich in ihren Stärken erkannt fühlen können. Auf dieser Grundlage können sie auch Schwächen angstfrei überwinden«, erklärt Kullak-Ublick. Zur Darstellung von Lernfortschritten jenseits der traditionellen Notenvergabe greifen viele Waldorfschulen auf Lern- und Abschlussportfolios zurück, die aus der Sicht des BdFWS einen »echten Paradigmenwechsel« bei den Leistungsnachweisen darstellen, weil sie die individuellen Leistungen und Fähigkeiten viel genauer abbilden. In Deutschland bieten derzeit rund 50 Waldorfschulen zusätzlich zu den staatlichen Abschlussprüfungen solche Abschlussportfolios an, die von künftigen Arbeitgebern oder weiterführenden Bildungseinrichtungen oft als wesentlich aussagekräftiger als der Notendurchschnitt bewertet werden. 

Mehr zu diesem Thema im Radiobeitrag mit Henning Kullak-Ublick. 

Alle Nachrichten in dieser Kategorie

Film: Waldorf global – Eine Schule geht um die Welt

Was haben NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof und die Schauspielerin Sandra Bullock gemeinsam? Sie sind... [mehr]

Online-Petition zur Einführung der Schrift

Handschriftprobleme hindern immer mehr Schüler daran, in der Schule erfolgreich zu sein. Die Handschrift wird nicht mehr intensiv genug gelehrt und... [mehr]

100 Jahre Waldorf. Ein Fest in Frankfurt – ein Fest für Hessen – ein Fest für die ganze Welt

Mit einem rauschenden Fest haben die hessischen Waldorfeinrichtungen am 15. Juni in und vor der Alten Oper Frankfurt 100 Jahre Waldorfpädagogik... [mehr]

Drogenkonsum an Waldorfschulen

Ein Dresdner Waldorfschüler führt im Rahmen einer 12.-Klassarbeit eine Umfrage zum Drogenkonsum an Waldorfschulen durch. Sie richtet sich an Schüler... [mehr]

Waldorfschulen fordern Fairness bei Staatszuschüssen

Der Bund der Freien Waldorfschulen wünscht sich stärkere soziale Durchmischung an Schulen. Nur durch eine gleichberechtigte Finanzierung von... [mehr]

Spendenaufruf: Stipendien für angehende Waldorflehrer weltweit

Bei einer ständig steigenden Zahl von Waldorfschulen wächst der Bedarf an gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern – überall auf der Welt. Die... [mehr]

NRW: Windrather Talschule hält Freitags-Demos nicht für »unzulässig«

In einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten Armin Laschet und die Schulministerin Yvonne Gebauer verteidigt die Windrather Talschule... [mehr]

Theater, Film und ganz viel Shakespeare

Steve Rowland an der Freien Hochschule Stuttgart. [mehr]

Gesund aufwachsen in der digitalen Medienwelt

Eine Gruppe hochmotivierter Neurophysiologen, Kinderärzten und Medienpädagogen hat einen Medienratgeber herausgegeben, der für jedes... [mehr]

Treffer 31 bis 40 von 842

< Vorherige

1

2

3

4

5

6

7

Nächste >

Folgen