»Besser geimpft, als in Angst zu leben«

Von Wolfgang G. Voegele, Januar 2022

Neue Publikation des Steiner-Verlags zum Thema »Infektion und Impfen« zeigt: Impfgegner können sich nicht pauschal auf Steiner berufen.

In zahlreichen Medienberichten über Demonstrationen gegen staatliche Coronaverordnungen wurde immer wieder der Verdacht geäußert, ein wichtiger Ursprung der Proteste liege nicht nur im rechten, sondern ebenso im anthroposophischen Milieu, vor allem in seinen Hochburgen in Baden-Württemberg. Ergebnisse einer explorativen Studie des Baseler Soziologen Oliver Nachtwey wiesen ebenfalls in eine solche Richtung.

Jonathan Stauffer, der Leiter des Steiner-Verlages, widersprach dieser These vor kurzem in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung und kündigte eine entsprechende Publikation seines Verlages, in der alle einschlägigen Stellen aus Steiners immerhin 90.000. Seiten umfassenden Gesamtwerk zum Thema Impfen enthalten sein sollten.

Steiners Aussagen seien schon deshalb nicht einheitlich, betonte Stauffer gegenüber der Stuttgarter Zeitung, weil er sich immer auf die Auditorien bezogen habe, die er gerade vor sich hatte. Man könne sich sowohl als Impfbefürworter wie auch als Impfskeptiker auf Äußerungen Steiners stützen. Das sei eine Sache der Interpretation. Steiner sage zum Beispiel: Besser geimpft, als in Angst zu leben. Eine Impfpflicht komme aber laut Steiner nicht in Frage, da jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich sei. Das sei der kleinste gemeinsame Nenner beider Gruppierungen. Im übrigen habe Steiner immer sehr pragmatisch seine Haltung in konkreten Situationen überprüft und sei nie dogmatisch gewesen. Als ein Kinderhort in dem Berliner Haus, in dem er lebte, gegen Pocken geimpft wurde, habe sich Steiner angeschlossen.

Keine entscheidende Instanz

Eine anthroposophische Instanz, die entscheidet, was die korrekte Auslegung ist, gebe es nicht. Gewisse Aussagen Steiners seien sicher zeitgebunden (so kannte er nur Bazillen, aber noch keine Viren). Niemand wisse, wie er sich zu den heutigen Impfstoffen gestellt hätte. Seine Grundgedanken, etwa zur Stärkung des Immunsystems oder zur spirituellen Erziehung nach einer Impfung, seien aber fruchtbar und noch immer aktuell.

Das neue Buch des Steiner-Verlages bringt Zitate zu den Themen »Milieu und Krankheitserreger«, »Hintergründe der Seuchen«, »Moderner Aberglaube«, »Materialismus macht krank«, »Feigheit, Lügen und andere Scheußlichkeiten«, »Tierleid wird Menschenleid«, »Impfung als Prinzip«, »Impfungen gegen dies und das«.

Herausgeber Frank Meyer, der schon im Januarheft der Info3 eine Einführung in sein Buch veröffentlichte (»Rudolf Steiner – kein ›Impfgegner‹«, Info3, Januar 2022, S. 16-19) plädiert in seinem Vorwort ebenfalls für eine besonnene Haltung, die durch die Kenntnisnahme der Wortlaute Steiners ermöglicht werde. Auch er unterstreicht, dass Rudolf Steiner kein fanatischer Impfgegner gewesen sei, sondern dieses Thema sehr differenziert betrachtet habe. (Vgl. auch NNA-Bericht »Können sich Impfgegner auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie berufen?«)

Meyer vermeidet eine pauschale Verdammung staatlicher Impfmaßnahmen. Sein Schwerpunkt liegt im Aufzeigen spiritueller Gesichtspunkte zur Frage des Impfens. So gab Steiner zu bedenken, dass Impfungen als lediglich äußere Maßnahmen erst durch einen inneren, geistigen Akt wirkliche Heilung versprächen.

Mahnende Worte

Er habe allerdings auch davor gewarnt, dass Impfungen missbraucht werden könnten, um den Zugang zur spirituellen Welt zu unterbinden. Was Steiner damit meinte, lässt Meyer offen. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die unzähligen Verbrechen im Namen der Medizin, die in totalitären Staaten verübt wurden: Euthanasie im »Dritten Reich« oder Ruhigstellung von Andersenkenden in psychiatrischen Anstalten der Sowjetunion. So gesehen machten Steiners mahnende Worte Sinn.

Manche der ausgewählten Texte sind von überraschender Aktualität. Auf eine entsprechende Frage antwortete Steiner: »Da muss man eben impfen. Es bleibt nichts anderes übrig. Denn das fanatische Sich-Stellen gegen diese Dinge ist dasjenige, was ich, nicht aus medizinischen, sondern aus allgemein anthroposophischen Gründen, ganz und gar nicht empfehlen würde. Die fanatische Stellungnahme gegen diese Dinge ist nicht das, was wir anstreben, sondern wir wollen durch Einsicht die Dinge im Großen anders machen. ... Es ist ein völliges Unding, so im Einzelnen fanatisch vorzugehen.«

Das neue Buch aus dem Steiner-Verlag bietet einen Einstieg in komplexe Fragestellungen und eine klärende Hilfestellung für die eigene Haltung, auch jenseits der Tagesaktualität. Es zeigt, dass wichtige anthroposophische Institutionen wie der Steiner-Verlag keineswegs von Seiten der Corona-Leugner oder Impfgegner vereinnahmt werden können, sondern ganz im Sinne Steiners die freie Entscheidung des Individuums in den Vordergrund stellen.

Rudolf Steiner: Stichwort Infektion und Impfung, herausgegeben und eingeleitet von Frank Meyer. Textzusammenstellung von Hans Stauffer. Rudolf Steiner Verlag, Basel 2022, 79 Seiten, 7,90 Euro.

Nachtwey, O/Frei, N/Schäfer, R (2021): »Generalverdacht und Kritik als Selbstzweck – Empirische Befunde zu den Corona-Protesten«, in Benz, W (Hrsg): Querdenken – Protestbewegung zwischen Demokratieverachtung, Hass und Aufruhr. Berlin S. 194–214.

Alle Nachrichten in dieser Kategorie

Position der Ärzte für individuelle Impfentscheidung zu Covid-19-Impfungen

Die »Ärzte für individuelle Impfentscheidung« haben Ende November ein aktualisiertes Positionspapier zu Impfstoffentwicklung, Impflicht und... [mehr]

Lobbyarbeit für die Kinder im Niedersächsischen Landtag

Im Oktober ist hier der Artikel »Ein Weg für die Kinder und die Demokratie« erschienen. Dieser Weg mündete in ein erstes Etappenziel. Am 27.10.2020... [mehr]

Eurythmie im Homeschooling

Der Kontrast hätte nicht größer sein können! Nach einer wunderbaren Monatsfeier im März verließen die Schüler und die Kolleg mit einem noch nie... [mehr]

Zweite Gemeinsame Stellungnahme des Bundes der Freien Waldorfschulen und der Medizinischen Sektion am Goetheanum zur Covid-19-Pandemie

Corona ist, soviel wird immer deutlicher, kein vorübergehender Albtraum, der bald wieder verweht sein wird. Wir werden lernen müssen, damit zu leben... [mehr]

Kunst hilft!

Liebe Waldorfeltern, ein paar Gedanken zur derzeitigen Lebenssituation unserer Gemeinschaft möchte ich Ihnen schenken. [mehr]

Vom Katastrophenmodus der Politik zum risikostratifizierten Handeln

Prof. Dr. med. Harald Matthes ist Leitender Arzt in der Gastroenterologie, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Gemeinschaftskrankenhauses... [mehr]

Kunst für Frieden – Kinderkonzerte

Auch hierzulande erleben wir derzeit herausfordernde Zeiten, viele Kinder sind durch das veränderte Sozialleben verunsichert und angestrengt. Deshalb... [mehr]

Ein Weg für die Kinder und die Demokratie

Als im Kindergarten tätiger Pädagoge war ich spätestens im August nicht mehr bereit, in meiner täglichen Arbeit an gewissen Stellen den... [mehr]

Windrather Talschule schreibt an Bildungsministerin von NRW

Bereits am 25. August 2020 schrieben Schulleitung und Kollegium der Windrather Talschule einen Brief an die Schul- und Bildungsministerin von... [mehr]

Offener Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten und dessen Kultusminister

Dr. Martin Hirte und Dr. Steffen Rabe, zwei erfahrene und durch die Impfthematik nicht unbekannte Münchner Kinderärzte, haben sich am 4.9.2020 mit... [mehr]

Treffer 31 bis 40 von 88

< Vorherige

1

2

3

4

5

6

7

Nächste >

Folgen