Corona-Projekt: Schüler pflanzt Blumengarten auf dem Dach der Göttinger Waldorfschule

Von Ulrich Meinhard, Juli 2020

Um die oberen Klassen der Freien Waldorfschule Göttingen während des Corona-bedingten Shutdowns sinnvoll zu beschäftigen, gaben ihnen die Lehrer die Aufgabe, je ein Projekt auszuarbeiten. Der 16-jährige Noel bepflanzte eine Dachfläche von 500 Quadratmetern mit insektenfreundlichen Blumen.

Es ist nicht so, dass es auf dem Gelände der Freien Waldorfschule in Weende nicht grünt und blüht. Das Schulareal wirkt wie eine Parkanlage. Trotzdem, da geht noch was. Das hat sich Duncan Noel Norbron gesagt und mehrere Dächer begrünt. Seine Initiative war Teil eines Schulprojektes. Unterstützung hat der Schüler bei hiesigen Unternehmen gefunden. Auch wenn die Dächer am Südflügel der Schule den Blicken eher verborgen sind: Jetzt ist es noch grüner bei Waldorf.

Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Es regnet, als Noel dem neugierigen Zeitungsmann sein Werk erläutert und präsentiert. Für den ersten Teil hat er sich 45 Minuten Zeit genommen, bevor er zum Schuljahresabschluss in den Klassenraum muss. Für den zweiten Teil kommt Hausmeister Dirk Schubbert hinzu, aus Sicherheitsgründen. Schließlich geht es aufs Dach.

Obere Klassen erhalten Projekt-Auftrag

Als mit der Corona-Pandemie in den Schulen der Präsenzunterricht ausgesetzt werden musste und Homeschooling angesagt war, bekamen auch die Schüler der 10. Klasse der Freien Waldorfschule die Aufgabe, ein Projekt zu erarbeiten. Noel schlug etwas vor, was er auch ohne Corona früher oder später, wie er sagt, vorgeschlagen hätte. Die stufenweise angelegten Dächer am Südflügel eignen sich durch ihre horizontale Ausrichtung für eine Begrünung. »Ich habe meinen Gartenbaulehrer gefragt, ob das möglich ist«, macht der künftige Elftklässler auf statische Fragen aufmerksam.

Als er grünes Licht bekam, zog er los und suchte sich Sponsoren. Denn um 500 Quadratmeter zu begrünen, braucht es einen ordentlichen Posten Saatgut. »Das ging besser, als ich erwartet hatte. Die waren schnell bei der Sache«, lobt der 16-Jährige das Entgegenkommen von Betrieben und Geschäften. Er entschied sich, auf den Dächern einjährige Pflanzen wachsen zu lassen, um den Wuchs in den kommenden Jahren unter Kontrolle zu behalten. Wichtig war ihm aber, dass sie Nahrung und Lebensraum für Insekten bieten. »Die Pflanzen säen sich selbst wieder aus. So bleibt ein Kreislauf bestehen«, weiß Noel. Er wählte Korn- und Ringelblumen, Dill, Buchweizen, Phacelia und Wicke aus.

»Es ist gut, ein Stück weit autark zu sein«

Warum gerade dieses Projekt? »Seit der achten Klasse beschäftige ich mich mit den Themen Nachhaltigkeit und Selbstversorgung«, sagt der Schüler und berichtet von einem Gemüsebeet, das er damals im heimischen Garten angelegt hat. Auch für die Insekten? »Weil es mir Spaß macht. Weil es gut ist, ein Stück weit autark zu sein«, befindet er. Es sei mit einem anderen Gefühl verbunden, etwas selbst angelegt, gepflanzt, geerntet zu haben. »Dafür ist keine Lagerung nötig, keine Nachreifung, kein Importweg«, lenkt er den Blick auf die allgemein übliche Versorgung über die Supermärkte.

Beim Aussäen der Wildblumen unterstützte ihn der Gartenbaulehrer, allein sollte der Schüler nicht auf den Dächern herumklettern. Das änderte nichts daran, dass vier Tage Arbeit nötig waren, um das Pflanzprojekt abzuschließen. »Ich musste ziemlich viel abpassen, den richtigen Zeitpunkt des Aussäens etwa oder Regen und Sonne«, sagt Noel. Da von dem eingeworbenen Geld der Sponsoren noch etwas übrig ist, will er es für weitere Pflanzprojekte in Weende verwenden, auch für Blühstreifen, auch für einen Baum.

Startschuss für Projekt klimafreundliche Schule

Dazu habe er Kontakt zur Stadtverwaltung aufgenommen, sagt der Schüler, der allerdings auch keine Probleme damit hat, das Prinzip Guerilla Gardening anzuwenden, also das heimliche Aussäen von Saatgut auf öffentlichen Flächen. Einen solchen Streifen habe er schon zum Grünen und Blühen gebracht, versichert Noel und meint: »Das Grünflächenamt geht wohl davon aus, dass es das selbst war.«

Der Geschäftsführer der Waldorfschule, Christian Cohrs, nimmt Noels Wildblumendach kurzerhand als eine Art Startschuss für ein noch größeres Projekt. Die Bildungsstätte am Göttinger Stadtrand soll eine klimafreundliche Projektschule werden. Auch da hat sich Noel schon kundig gemacht. »Klimaneutral ist schwierig«, sagt er. »Aber man kann ausgleichend wirken, etwa durch Solarplatten, LED-Lampen und Anpflanzungen.«

Ein bunter Strauß an Projekt-Themen

Weitere Projekt-Themen waren unter anderem: »Neue Medien – Chancen und Risiken für Kinder und Jugendliche«. »Gardetanz«. »Artgerechte Kaninchenhaltung«. »Bodenarbeit mit Pferden«. »Ländervergleich Costa Rica und Deutschland«. »Restaurierung eines Alfa Romeo 1600 GT Bertone«. »Restaurierung eines Hercules M 1«. »Bau eines wassergekühlten Gaming-PCs«. »Vegane Ernährung und Leistungssport«. »Planung und Herstellung eines Quilts«. »Das Sonnensystem – unsere kosmische Heimat«. »Mao Zedong: Chinesischer Tyrann oder gescheiterter Landesvater?« »Vorbereitung zu einem Marathonlauf«. »Auswirkungen von sozialer Isolation auf Körper und Gehirn«. »Wie gehen die Notenbanken mit der Corona-Krise um?«. »Alte Jeans upcycling zu einer Jeansjacke«. »Das Waldsterben im Eichsfeld dokumentieren und filmerisch festhalten«. »Restaurierung, Polsterung und Bezug eines Autositzes«. »Alles an mir ist selbstgemacht: Schuhe, Hose, Oberteil und Unterwäsche«. Sämtliche Projektarbeiten sind von den Lehrern bewertet worden.

Mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Tageblatt, 17.07.2020

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