Schulgärten in Zeiten von Corona

Mai 2020

Patrick Gebhardt, freier Autor und ausgebildeter Gartenbaulehrer sprach mit Kenzo Martins Matuzawa, Gartenbaulehrer der Blote-Vogel Schule in Witten, und Christoph Tober, Gartenbaulehrer an der Widar-Schule in Bochum-Wattenscheid.

Kenzo Martins Matuzawa, wie ihn seine Schüler nennen, auf seiner Terrasse. Im Hintergrund der Schulgarten und das Schulgebäude.

Christoph Tober im Schulgarten.

Interview mit Kenzo Martins Matuzawa

Patrick Gebhardt: Wie sieht Ihr Alltag gerade aus?

Kenzo Martins Matuzawa: Sehr anders als in der normalen Schulzeit vor Corona. Ich habe jetzt nicht mehr die festen Unterrichtszeiten, in denen ich in der Schule seien muss, aber ich muss viel mehr allein im Garten arbeiten, als in der Zeit vor der Schulschließung. Ich bin jeden Tag mindestens drei bis vier Stunden allein im Garten. Das Wetter spielt gerade mit und die Arbeit mit der Erde erfüllt mich, auch wenn ich manchmal einsam bin und die Schüler und den alten Alltag vermisse.

PG: Welche Projekte gehen Sie in der unterrichtsfreien Zeit im Garten an?

KMM: Im Garten gibt es immer etwas zu tun. Jeder Gartenbaulehrer wird das wissen. Kein Garten ist jemals fertig. Mein Fokus liegt zunächst darauf, die Schülerbeete fertig vorzubereiten und einzusäen. In der freien Zeit kam ich dazu, einen Staketenzaun im Altgarten zu setzen, um die Bienenstöcke, die dort stehen, von den Beeten der Schüler abzugrenzen. Mit anderen Lehrern der Schule habe ich die Bienen gepflegt, ich konnte Beete vorbereiten und anlegen, die nicht von den Schüler gepflegt werden. Ein nächstes Projekt, das ich gemeinsam mit dem ehemaligen Gartenbaulehrer angehen werde, ist die Umgestaltung des Schafstalls.

PG: Genießen Sie persönlich die Zeit ohne Unterricht und Schüler?

KMM: Jein! (lacht) Ich vermisse die Schüler. Ich vermisse meinen normalen Alltag, das Unterrichten, in der Schule zu sein. Das Leben gemeinsam mit meinen Kollegen und den Schülern macht das Leben fröhlicher. Anderseits habe ich jetzt die Freiheit zu bestimmen, wann ich in den Garten gehe und wann ich meine Pläne umsetze. Diese Freiheit genieße ich.

PG: Zum Garten: Wie geht es dem Garten gerade?

KMM: Ich habe Glück hier, dass ich im Moment so viel Hilfe habe. Deshalb geht es dem Garten nicht schlecht. Wenn ich hier allein wäre, würde der Garten leiden. Wir haben es geschafft, den Garten in einen guten Zustand zu bringen. Die anderen Lehrer, der ehemalige Gartenbaulehrer und der Hausmeister haben mir dabei geholfen. Ich denke, dass die Schüler, wenn sie wiederkommen, einen gepflegten Garten vorfinden werden.

PG: Kommen noch Schüler in den Garten?

KMM: Ja, einzelne der Schüler aus der Notbetreuung haben mir hier im Garten geholfen. Aber die meiste Zeit werden sie von den anderen Lehrern beschäftigt und kommen nicht häufig zu mir in den Schulgarten.

PG: Was passiert gerade Positives im Garten?

KMM: Positiv ist, dass der Garten gerade sehr gut gepflegt wird. Dadurch, dass ich und die anderen Lehrer sich um ihn kümmern, ist er auch sehr gründlich gepflegt. Der Garten hat viel Kraft bekommen, durch die Arbeiten, die in ihm gemacht wurden. Wir haben den Garten in einen guten Zustand gebracht. Vor der Zeit der Schulschließung konnten wir kaum in den Garten gehen, da das Wetter zu kalt und vor allem der Boden noch sehr feucht war. Seit der Schulschließung ist das Wetter milder und der Boden trockener geworden. Da konnte ich sehr viel im Garten arbeiten. In dieser Woche konnte ich alle Beete soweit vorbereiten, dass sie nun eingesät werden können.

PG: Machen Sie sich Sorgen um den Garten?

KMM: Im März habe ich mir schon Sorgen gemacht. Ich wusste nicht, ob ich Hilfe haben und es alleine schaffen werde, den Garten zu versorgen. Alleine hätte ich nicht die Hälfte der Arbeit geschafft, die jetzt passiert ist. Als ich anfing zu realisieren, dass mir die anderen Lehrer und der ehemalige Gartenbaulehrer helfen, bekam ich Hoffnung, dass es dem Garten gut gehen wird. Nun, da wir seit der Schulschließung so viel geschafft haben, mache ich mir keine Sorgen mehr. Es geht dem Garten gut.

Interview mit Christoph Tober

PG: Wie geht es dem Schulgarten gerade?

Christoph Tober (schmunzelt): Dem Garten fehlen die Kinder und die Schüler. Dadurch ist er weniger belebt. Gleichzeitig konnte ich durch den Freiraum, den ich jetzt habe, wirklich etwas tun im Garten und der Garten hat sich verändert. Ich konnte Bauprojekte im Garten, die schon seit Langem liegen geblieben sind, umsetzen. Von daher entwickelt sich der Garten gerade weiter und ich denke, dass es dem Garten gut geht. Dieser super strahlende Frühling bei klarer Luft und Stille tut dem Garten auch sehr gut.

PG: Wer pflegt den Garten momentan?

CT: Hauptsächlich bin ich das, aber es kommen auch die Schüler, die in der Notbetreuung sind. Sie waren hier mit einer Kollegin und haben dicke Bohnen gesteckt, Zwiebeln gesteckt und pikiert. Dann kommen jetzt auch Kollegen, die gerne im Garten arbeiten und mithelfen wollen. Sie haben die Dämme für die Möhren gezogen. Ich habe extra eine Liste von Arbeiten gemacht, die von Helfern gemacht werden können. Einzelne Schüler und eine Mutter waren auch zum Helfen da. Auch ein gärtnerischer Mitarbeiter der Schule und der Gärtner des Kindergartens helfen mir. Die Situation mit der vielen Hilfe ist für mich schön. Ich fühle mich nicht allein gelassen mit der Arbeit.

PG: Wie viele Schüler aus der Notbetreuung kommen in den Schulgarten?

CT: Das waren bisher nur drei – alle Schüler aus der Notbetreuung.

PG: Was machen Sie im Garten, wenn die Schüler nicht so schnell wiederkommen?

CT: Ich werde die Hauptkulturen anbauen: Kartoffeln, Möhren, Salat, Rote Beete und Mangold. Mit der Anzucht, Auspflanzung und Pflege der Schnittblumen, frage ich mich, ob ich es allein schaffen werde, da habe ich im Hinterkopf, das ich ein großes Quartier einfach mit einer Blumenmischung einsäe. Ich denke, dass ich die Aussaat und Pflege vereinfache, indem ich nicht so viele Kulturen wie sonst aussäe. Ein altes Ideal kommt von Herr Wroblowski: »Ein Gartenbaulehrer muss auch in der Lage sein, seinen Garten ohne seine Schüler zu pflegen.« Diesem Ideal möchte ich mich jetzt auch stellen. Es ist gerade auch ein Test für mich. Ich glaube, dass ich es durchaus schaffen kann, den Garten zu pflegen, auch wenn die Schüler vorerst nicht wiederkommen.

PG: Wie geht es Ihnen in der Zeit ohne die Schüler und ohne Unterricht?

CT: Sehr gut, muss ich sagen. Es kann jetzt richtig der Gärtner in mir zum Zuge kommen und der Pädagoge kann ruhen. Ich genieße, dass ich meine Arbeiten gerade ganz in Ruhe tun kann, so wie ich es für richtig halte und all die Dinge aufarbeiten kann, die liegengeblieben sind. Das ist für mich eine große innere Genugtuung und Freude. Wenn einzelne Schüler, dann mal in den Garten kommen oder ich Kindergeschrei auf der Straße höre, das rührt mich schon auch sehr an und ich werde ein wenig wehmütig. Noch genieße ich den Freiraum ohne die Schüler, doch ich denke auch, dass ich an den Punkt kommen werde, wo ich sie vermissen werde.

PG: Welche konkreten Projekte, sind Sie angegangen, seit die Schüler weg sind?

CT: Wenn ich jetzt von hinten anfange, dann ist das zunächst eine Trockenmauer, die ich verlängert habe. Ich hatte noch einen Haufen Steine übrig, die habe ich über drei Tage in Ruhe verbaut. Auch hatte ich eine Tiefgrabestelle im Garten, ein großer langer Graben, den ich mit einem anderen gärtnerischen Mitarbeiter der Schule aufgefüllt und rekultiviert habe. Gemeinsam mit ihm und dem Gärtner des anliegenden Waldorfkindergartens habe ich auch eine große Menge Holzkompost sieben können, den ich zum Teil auch schon ausgebracht habe. Dann habe ich selbst viel Brennholz gespalten und gestapelt. Auch konnte ich einzelne trockene Teile der Wiese neu einsäen. Aber auch für kleinere Projekte habe ich Zeit. Ich habe zum Beispiel aus Brettern eine Leonardo Da Vinci Brücke gesteckt, einen alten Leiterwagen zu einer Ziegenkutsche umgebaut und einzelne Holzarbeiten gemacht.

PG: Gibt es Homeschooling im Gartenbauunterricht?

CT: Eigentlich nicht. Aber den Siebtklässlern habe ich die Planung ihrer Einzelbeete als Hausaufgabe per Mail aufgegeben. Jeder Schüler hat ein kleines Beet zugewiesen bekommen, indem er oder sie drei bis fünf verschiedene Kulturen anbauen können. In meiner Mail habe ich ihnen einen Link zu einem Saatgutkatalog zugesandt aus dem sie auswählen durften, welche Pflanzen sie anbauen wollen. Die allermeisten Schüler haben ihre Hausaufgabe erfolgreich erledigt, sodass ich die Bestellung bereits machen konnte.

Zum Autor: Patrick Gebhardt absolvierte seinen Freiwilligendienst in einer heilpädagogischen Waldorfschule in Lima, Ausbildung zum Gartenbaulehrer am Institut für Waldorfpädagogik in Witten/Annen. Heute ist er als Betreuer in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung tätig und ist freier Autor.

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