Unterricht im Freien und pädagogische Phantasie statt Schulschließungen

Von Redaktion, April 2021

Der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) kritisiert die zu erwartenden vermehrten Schul- und Kitaschließungen durch das geänderte Infektionsschutzgesetz. »Kinder und Jugendliche brauchen Begegnung, Bewegung und sinnvolle Herausforderungen,« so Henning Kullak-Ublick, Sprecher des Verbandes. »Nicht Schulschließungen, sondern pädagogische Phantasie ist das Gebot der Stunde.«

Schwere oder gar tödliche Verläufe seien bei Kindern und Jugendlichen extrem selten (1) und stünden in keinem Verhältnis zu den zunehmenden körperlichen und seelischen Belastungen, die durch den Bewegungsmangel und die fehlenden sozialen Kontakte­­­ entstünden. »Worauf es jetzt ankommt, ist, die Beziehung und Resonanz mit den Kindern und der Kinder untereinander zu stärken. Dafür ist eine angstfreie, Vertrauen und Wärme vermittelnde Grundhaltung die Basis, und dafür brauchen wir nicht noch mehr Isolation, sondern pädagogische Phantasie,« so Kullak-Ublick. »Wir müssen Out of the box denken, damit die Kinder nicht von ihren X-Boxes verschlungen werden.«

Es gehe längst nicht mehr hauptsächlich um verpasste Lerninhalte, sondern darum, dass die Kinder und Jugendlichen überhaupt wieder elementare Entwicklungserfahrungen machen könnten, die sie zu einem selbstständigen Lernen erst befähigten. »Wie können sie alle ihre Sinne nutzen, um sich mit der Welt zu verbinden, wie können sie ihre Muskeln spüren, um sich in ihr zu bewegen und wie können sie sich mit anderen über ihre Erfahrungen austauschen? – Weltinteresse entsteht durch Weltbegegnung, nicht Isolation.«

Die Aerosolforschung habe hinlänglich bewiesen, dass Ansteckungen vor allem in geschlossenen Räumen stattfänden. Der Frühling sei wunderbar geeignet, um den Unterricht nach draußen zu verlegen. Fast alle Unterrichtsfächer ließen sich auch im Freien durchführen. Geografie und Wirtschaftskunde könne man beispielsweise regional erwandern, ältere Schüler:innen könnten ein Feldmessprojekt daraus machen; im Geschichtsunterricht ließe sich die Stadtgeschichte anhand der Architektur, der Straßennamen oder durch die Befragung von Zeitzeugen ergründen; Logarithmen könne man auch an einem Kiefernzapfen oder einer Schnecke bestaunen und analysieren. »Das sind natürlich nur Beispiele, aber spannende und phantasievolle Forschungsabenteuer sind allemal besser als Schulschließungen.«

Die Beachtung der Schutzmaßnahmen und das Impfangebot für ältere Menschen, gefährdete Berufe und pädagogisch Tätige gebe den Kindern und Jugendlichen den Freiraum, die Welt wieder wie Kinder und nicht wie Senioren erfahren zu können. Ihnen das unbelastet zu ermöglichen, sei auch unter Pandemiebedingungen die wichtigste Zukunftsaufgabe der Gegenwart.

Anmerkung:

(1) Vergl. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) vom 18.04.2021: https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgkh-hospitalisierung-und-sterblichkeit-von-covid-19-bei-kindern-in-deutschland-18-04-2021/

Alle Nachrichten in dieser Kategorie

Vom Wachsstift zum Laptop. Rückblick auf den Fernunterricht mit einer sechsten Klasse

Vom Tag der Einschulung an führe ich, Anka Müller-Tiburtius, die inzwischen sechste Klasse in der Freien Waldorfschule Everswinkel. Diese Klasse... [mehr]

Plädoyer für faktenbasierten Diskurs über Corona-Krise

Der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) hat heute ein Plädoyer für einen faktenbasierten Diskurs über die Corona-Krise veröffentlicht. Die... [mehr]

Gemeinsame Aktion für Corona-Hilfen: ein erster großer Erfolg

Die »Freunde der Erziehungskunst« haben sich mit verschiedenen Stiftungen und international arbeitenden Waldorf-Organisationen zusammengetan, um... [mehr]

Erklärung der Bundeselternkonferenz im Bund der Freien Waldorfschulen zur Corona-Krise

Mit Sorge betrachten wir die derzeitige Situation in den Schulen und Familien. Die außerordentliche Belastung der Familien und die auf reine... [mehr]

Science for Hippies – Zwischen Bildung, Wissenschaftskommunikation und Spiritualität

Ein kleines Team engagierter Pädagogen, wissenschaftlicher Berater und Storyteller versucht mit der Online-Plattform »Science for Hippies« ein... [mehr]

Spinnen in Corona-Zeiten

Von Ende April bis Ende Mai hatte die 10. Klasse der Annie Heuser Schule Berlin Textiltechnologie-Epoche. Die Schüler holten die Spinnräder, Spindeln... [mehr]

Literatur und Pandemie. Anregungen für den Literaturunterricht in Krisenzeiten

Als väterliches Erbe fand sich Boccacios »Il Decamerone« in Goethes Bibliothek. Er schätzte das Werk als wirksame Therapie zur Stärkung des... [mehr]

Die Chance in der Krise

Die Freie Hochschule Stuttgart unterstützt die Schulen in Zeiten von Corona. [mehr]

Spielerisch in die Zukunft. Wie retten wir das Lebendige?

Mit dem Ziel, möglichst viele Leben in der Corona-Krise zu retten, riskiert man, dass das Lebendige untergeht. Ohne Zweifel: Jedes einzelne Leben ist... [mehr]

Treffer 31 bis 40 von 73

< Vorherige

1

2

3

4

5

6

7

Nächste >

Folgen