Vom Wachsstift zum Laptop. Rückblick auf den Fernunterricht mit einer sechsten Klasse

Von Anka Müller-Tiburtius, Rüdiger Reichle, Juni 2020

Vom Tag der Einschulung an führe ich, Anka Müller-Tiburtius, die inzwischen sechste Klasse in der Freien Waldorfschule Everswinkel. Diese Klasse umfasst derzeit 35 Schüler, von denen 10 ein Fördergutachten haben.

Daumenkino (Wiederholung: Hauptsatz, Nebensatz und Komma)

Leeres Klassenzimmer, für den Präsenzunterricht vorbereitet - halbe Kapazität

»Classroom« auf unserer Terrasse

Ich lege großen Wert auf tägliche musikalische, bildnerisch-gestaltende und sprachliche Arbeit: Die Klasse hat bisher in jedem Jahr eine größere Aufführung auf die Bühne gebracht, zuletzt in der fünften Klasse die gesamte Zauberflöte und in der sechsten Klasse ein gemeinsam verfasstes abendfüllendes Theaterstück »Milon und der Löwe« (nach Jakob Streit). Hätten wir nicht plötzlich Antworten auf eine Schulschließung finden müssen, stünde möglicherweise an dieser Stelle jetzt ein Bericht über unser Theaterprojekt.

Zwei Wochen nach der Aufführung unseres Schauspiels, das für die Kinder und mich ein starkes Gemeinschaftserlebnis war, wurde von jetzt auf gleich der Präsenzunterricht in der Schule unterbrochen. Wie soll man sich zu einem solchen plötzlichen Vorgang stellen? Ohne mir viele Gedanken darüber zu machen, wie lange eine solche Situation wohl anhalten könnte, war für mich von Anfang an klar, dass ich die Beziehung zu den Schülern intensiv pflegen  wollte, und dies vor allem durch die Fortsetzung der intensiven und vielgestaltigen unterrichtlichen Arbeit, welche uns bisher ein starkes Identitätsgefühl gegeben hatte.

So kam es für mich von vorneherein nicht infrage, die Schüler einmal in der Woche mit kopierten Arbeitszetteln oder Ähnlichem zu versorgen. Ich bat also meinen Mann (Koautor), nach einer digitalen Plattform zu suchen, auf deren Grundlage eine Kommunikation zwischen mir und meinen Schülern in beiden Richtungen ermöglicht werden konnte. Dabei hatten wir die Idee, dass es nicht darum gehen sollte, durch Video-Schaltungen etc. eine Illusion des gewohnten Präsenzunterrichts zu inszenieren. Vielmehr sollten die Schüler in dieser von manchen als sehr bedrohlich erlebten Situation einer Pandemie sich auf etwas Neues einzulassen und dieses zu nutzen lernen, sich also aktiv und mitgestaltend der Aufgabe stellen, weiterhin als Klasse zu arbeiten.

Sogleich stellten sich natürlich einige Fragen, die ernsthaft erwogen sein wollten: Seit Jahren war im Gespräch mit den Eltern der Schüler daran gearbeitet worden, altersgemäß weitgehend auf die Nutzung digitaler Medien zu verzichten. Das hatte in meiner Klasse auch gut geklappt, nur wenige Schüler hatten bisher z. B. ein Handy. Gab es genügend Gründe, jetzt so plötzlich andere Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen? Welcher Alternativen könnte man sich bedienen? Es stellte sich auch heraus, dass drei Schüler auf digitalem Weg gar nicht erreicht werden konnten, da der Netzausbau im östlichen Münsterland noch viele weiße Flächen übrig gelassen hat. Und ist es überhaupt möglich, die Vielgestaltigkeit und Lebendigkeit des Präsenzunterrichts (was für ein Ausdruck!) zu ersetzen? Würde nicht alles vom Gefühl der Enttäuschung begleitet werden? Und: Wie konnte eine Entscheidung für einen digital gestützten Fernunterricht gegenüber den Kollegen vertreten werden, die aus »grundsätzlichen Überlegungen« ein solches Vorgehen, zumindest für die Unter- und Mittelstufe, ablehnten? – Also doch jede Woche mit der Post lauter Packen von Zetteln an die einzelnen Haushalte verschicken? Und dann? Mit dem Auto 35 Haushalte, weit übers Land verteilt, regelmäßig aufsuchen, um eben diese wieder einzusammeln? Oder 35 kleine Bildchen mit »Zoom« (oder …) auf dem Laptop versammeln?

»Es wäre das Allerfalscheste, wenn man nun etwa sagen würde, da müsse man sich sträuben gegen das, was nun einmal die Technik uns in dem modernen Leben gebracht hat, man müsse sich hüten vor dem Ahriman, man müsse sich eben zurückziehen von diesem modernen Leben. Das würde in gewissem Sinne eine spirituelle Feigheit be­deuten. Das wahre Heilmittel besteht darinnen nicht, die Kräfte der modernen Seele schwächen zu lassen und sich zurückzuziehen von dem modernen Leben, sondern die Kräfte der Seele stark zu machen, damit das moderne Leben ertragen werden kann. Ein tapferes Sich-Verhalten zum modernen Leben ist dasjenige, was notwendig ist nach dem Weltenkarma, und deshalb hat die wahre Geisteswissenschaft diesen eigentümlichen Charakter, daß sie von vornherein Anstrengun­gen, mehr oder weniger sogar intensive Anstrengungen von der menschlichen Seele fordert.«

Rudolf Steiner: GA 275: Kunst im Lichte der Mysterienweisheit; erster Vortrag

Welche Plattform ist die richtige?

Kurzum: Sich gestaltend in die Situation zu stellen und Erfahrungen zu sammeln – das schien für uns das Naheliegendste zu sein. Ein von Christof Wiechert verfasster und in der Erziehungskunst online veröffentlichter Beitrag ermutigte uns sehr. Inzwischen hatte mein Mann eine größere Anzahl von digitalen Plattformen zur unterrichtlichen Kommunikation gefunden (es waren schließlich acht) und miteinander verglichen. Wichtige Kriterien beim Vergleichen waren eine leichte Handhabbarkeit (Usability) für Lehrerin, Schüler und ihre Eltern, Offenheit des Konzepts für verschiedenste Arten von Beiträgen (Text, Audio, Video, Bild), plattformübergreifender Zugang ohne Installation von Programmen auf den Endgeräten und die Möglichkeit, die Schüler einzeln wie auch in Gruppen oder gar als ganze Klasse durch begleitende Textnachrichten anzusprechen (Chat). Und das Ganze sollte wirklich gut funktionieren.

Die Entscheidung fiel dann für die Plattform »Google Classroom«.

Ja, wir wissen um die datenschutzrechtlichen und grundsätzlichen Einwände gegen dieses Angebot des Konzerns Google. Diese wären dann auch in einem eigenen Artikel zu diskutieren. Hier soll es um die pädagogischen Fragestellungen gehen. Die hiesige Schule hat bisher keine Kommunikationsplattform zur Verfügung gestellt, die den hier beschriebenen Ansprüchen genügt. Und es sollte für die Schüler so weitergehen, dass bei ihnen nicht das Erlebnis eines kommunikativen Lochs entstand. Also erst einmal zugreifen, arbeiten, und später im Gespräch mit anderen Kollegen Wege finden, die möglicherweise noch angemessener sind. Die Schulschließung wurde Freitags bekannt gegeben, und schon am Montag wollten wir die Schüler erreichen.

Die Eltern der Schüler wurden um ihr Einverständnis gebeten, und es wurde ihnen Hilfe bei der Einrichtung der Plattform auf den Endgeräten angeboten. (Diese Hilfe wurde in 11 Fällen erbeten und weitgehend mit dem Fernwartungsprogramm »TeamViewer« durch meinen Mann durchgeführt.) Für die drei Haushalte, die kein oder zu schwaches Internet haben, wurden individuelle Lösungen gesucht und vereinbart: Zusendung des Unterrichtsmaterials soweit wie möglich auf das Smartphone der Eltern, Ausdruck des Materials, und anderes.

Schon am Montag nach der Schulschließung begann für die sechste Klasse der Unterricht. Die täglichen »Lieferungen« enthielten Beiträge und Aufgaben zur laufenden Epoche, Übungen im Rechnen, zur Rechtschreibung, im Tippen (»Tipp10«), zum Musikunterricht und im bildnerischen Gestalten. Der Freitag wurde zum »praktischen Tag« erkoren, da wurde z.B. gekocht. Es gab Rezepte,  Anregungen zu sportlichen Projekten, »gemeinsame« Konzertbesuche in der »Digital Concert Hall« der Berliner Philharmoniker mit Pausengetränk, u.v.a. Den Sprachlehrern wurde angeboten, ihre Aufgaben auf der Plattform weiterzugeben.

● Die vor der Schulschließung noch laufende Physik-Epoche wurde im Fernunterricht nicht fortgesetzt, da es für die Gegenstände dieser Epoche kein geeignet erscheinendes Medium gab. Ich wollte kein »Trockenfutter« für den Kopf produzieren. Anstelle der Physik-Epoche begann eine Geschichtsepoche zum Mittelalter. Hier war es möglich, täglich zu erzählen, Gruppenarbeit (in der die Klasse schon reichlich Erfahrung hat) einzurichten und vielfältige Aufgaben zu stellen (Aufsätze, Bilder, Interviews mit Karl dem Großen, kleine Podcasts, Szenen). Nach der Beendigung der Mittelalter-Epoche folgte später die Gesteinskunde-Epoche.

● Es wurde mit Hilfe von Erklärvideos aus dem Klassenzimmer vor der Tafel die Prozentrechnung eingeführt und mit täglichen Aufgabenstellungen vertieft und geübt. Später wurden Aufgaben und Lösungswege auch vom Tisch aus und von der Oberfläche des Touchscreens abgefilmt.

● Im Musikunterricht befassten sich die Schüler täglich mit der Intervall-Lehre. Ich erstellte dafür eigene Audio-Beiträge.

● Im Bildnerischen Gestalten wurde die Arbeit mit der Kohle im Schwarz-Weiß-Zeichnen eingeführt. Dafür erstellten wir aufeinander aufbauende eigene Video-Beiträge, in denen die Arbeit Schritt für Schritt, Tag für Tag in ihrem Entstehen dokumentiert wurde.

Bei der täglichen Aufgabenstellung kann bei Google Classroom für jedes Dokument festgelegt werden, ob es für die ganze Klasse, für eine Gruppe oder für einen einzelnen Schüler vorgesehen ist. Des Weiteren kann individuell festgelegt werden, ob ein Dokument nur angeschaut oder auch bearbeitet werden kann. Individuelle Leerformulare können zur Bearbeitung der Aufgaben versandt werden. Für jede Aufgabe kann ein Abgabetermin definiert werden.

Ich kündigte an, die täglichen Aufgaben morgens um 8 Uhr ins Netz zu stellen; der Abgabetermin war in der Regel gleichentags 20 Uhr. Täglich von 10 Uhr bis 14 Uhr war ich online und stand, auch telefonisch, für alle Art von Fragen und Hilfestellungen zur Verfügung. Auch während des restlichen Tages war es nötig, für solche Rückfragen erreichbar zu sein. In der Regel wurden die von den Schülern zurückgegebenen Arbeiten zeitnah, oft noch am späten Abend, durchgesehen, korrigiert, kommentiert und in bestimmten Fällen mit der Aufforderung von Nacharbeit zurückgegeben. (Falls es bisher nicht deutlich wurde: Es ist wirklich viel Arbeit, diese verteilt sich anders über den Tag, und man hat kaum freie Minuten.)

Es zeigte sich, dass bei allem Zuspruch die Organisation der Online-Arbeit in einigen Familien schwierig zu gestalten war, wenn mehrere Kinder auf diese Weise angesprochen waren und nur ein einziger Rechner oder eine schwache Internetleitung zur Verfügung standen.

Über die folgenden Links können sich Leserinnen und Leser einen Eindruck davon verschaffen, in welcher Weise die täglichen Beiträge und Aufgaben die Schüler erreichten (Eine ganz kleine und nicht unbedingt repräsentative Auswahl, natürlich auch ohne die wunderbaren, liebe- und phantasievollen Schülerarbeiten):

Link zu Unterrichtsbeispielen

Die Aufgaben während der vergangenen Wochen waren noch weitaus vielfältiger gestaltet: Die Schüler sollten z.B. lustige Fitnessübungen für den häuslichen Bereich entwickeln und einem anderen Schüler erklären, und dieser sollte dann die Übung durch seine Eltern per Video festhalten lassen. Es sollte nach mittelalterlichen Rezepten gebacken, gebraten und gekocht werden. Es sollte eine Festtafel gedeckt werden. Schüler kamen auf die Idee, Übungsvorlagen für Rechtschreibprobleme zu entwickeln. Es wurden Beiträge mit Daumenkino von uns eingestellt, usw.

Austausch real und virtuell

Das Bedürfnis der Schüler, sich untereinander und mit mir auszutauschen, war (und ist groß. Oft klingelt es an der Tür, und ein Schüler steht mit den Eltern, mitunter mit der ganzen Familie da, man wolle nur kurz eine Zeichnung abgeben. Fast kein Nachmittag und Abend, an dem das Telefon nicht klingelt. Untereinander sind viele Schüler täglich während der Arbeitszeit im Chat fröhlich miteinander im Austausch (»Jetzt aber mal Stille, hier, sonst schalte ich Euch ab!!«).

Es ist nicht ganz einfach, wie im Klassenzimmer zu assistieren und zu korrigieren. Man kann sich zwar über die Chat-Funktion direkt an einzelne Kinder oder auch an die ganze Klasse wenden, aber da kommt man nicht weit. Wie gerne würde ich einfach wie zuvor durch die Bankreihen gehen und da und dort hinschauen, ermutigen, bremsen, ergänzen, fragen. Der »Google Classroom« stellt immerhin eine Reihe von Funktionen über den Chat hinaus zu Verfügung, deren Anwendung aber recht viel Zeit kostet. Für eine sechste Klasse ist es ja auch noch nicht selbstverständlich, ohne Weiteres nach korrigierten Arbeiten Ausschau zu halten und sie noch einmal aufzugreifen. Immerhin - im Laufe der Wochen haben die Schüler von sich aus angefangen, sich bei Schwierigkeiten jeglicher Art gegenseitig zu unterstützen. Das hat sich durch Aufgaben, die für Gruppen gestellt wurden, dann noch weiter als Vorgehensweise eingeprägt.

Einige wenige Schüler (es sind eigentlich zwei) melden sich kaum oder zu wenig und steigen nicht wirklich verlässlich ein. Es handelt sich ausschließlich um diejenigen, um welche ich mir schon längst zuvor Sorgen gemacht habe. Versuche übers Telefon helfen nicht weiter.

Nach rund zehn Tagen Arbeit im »Google Classroom« wollte ich einmal ausprobieren, ob eine Videokonferenz mit der ganzen Klasse Vorteile bringt - nie wieder! Das mag wohl mit Studenten gehen, aber mit Sechstklässlern führt das nicht zu Arbeitsprozessen, sondern zu einem seltsamen Sich-Beäugen und dann fast nahtlos zu einem ziemlich fröhlichen Durcheinander. Das Treffen war lustig, und alle haben sich gefreut, sich wiederzusehen. Aber keiner hat dabei etwas gelernt.

Für die weitere Pflege des persönlichen Kontakts haben wir dann kleine Gruppen von jeweils ca. 3 Schülern gebildet, einen Wochenstundenplan aufgestellt und etwa halbstündige Gruppen-Video-Chats, jeweils unter meiner Leitung, eingerichtet, in denen persönliche Themen wie auch z.B. Fragen zur täglichen gemeinsamen Lektüre (»Hexenkind«, »Robin Hood«) besprochen wurden.

Auch Trockenschwimmen kann etwas bringen

Nachdem der Präsenzunterricht inzwischen zweimal wöchentlich wieder angefangen hat, ist noch einmal ganz deutlich festzuhalten: Fernunterricht kann überhaupt nicht die persönliche Begegnung in der Schule ersetzen. Die ganze Lebendigkeit des Dialogischen, die Vielfalt praktischen Handelns, Musik und vieles andere mehr stellen zentrale Werte unserer Arbeit in der Schule dar. Diese Werte können im Fernunterricht in keiner Weise abgebildet werden. Es bleibt immer ein Beigeschmack von Trockenschwimmen, wie gut die Ideen auch sein mögen!

Aber: Schon am ersten Tage des Wiederbeginns in der Schule hatten wir das Gefühl, etwas täglich Geübtes und Erfahrenes einfach fortzusetzen, im Thema und in der gemeinsamen Arbeit drin zu sein. Es zeigt sich auch, dass die äußeren Bedingungen des Wiederbeginns (Abstandsregeln, Klassenteilung, etc.) den gewohnten Unterricht nicht wieder möglich machen - es ist eine eigenartige Mischung aus Wiedersehensfreude und unsicherer Distanz zu bemerken. Das unterrichtliche Rückgrat ist im Moment eher der Fernunterricht, der an drei Tagen der Woche fortgesetzt werden muss.

Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass sich eine ganze Anzahl von Kindern inzwischen so geäußert hat, dass sie in der Klasse oft abgelenkt seien und bestimmte Aufgaben im Fernunterricht besser verstehen und bearbeiten könnten. Auch das ist eine interessante Perspektive und gibt zu denken! Interessant ist auch, dass aus einigen Familien berichtet wird, dass sie alle jeden Tag auf die neuen Beiträge aus dem Classroom warten und gemeinsam Audio- und Videobeiträge anhören und anschauen würden. (Es hat mich auch etwas unter Druck gesetzt, eine Epoche über das Mittelalter zu halten, während der Geschichtsprofessor zuhause sitzt und zuhört!)

Wenn eines fernen Tages möglicherweise wieder die gewohnten Verhältnisse im Schulunterricht eintreten werden (oh, wie wir das herbeisehnen!), werden wir vermutlich trotzdem den »Google Classroom« weiterverwenden, um Kindern Teilhabe zu ermöglichen, wenn sie krank sind, wenn sie Hausaufgaben nachzuliefern haben, und um den schulischen Kopierer zu entlasten.

Die Gesamtorganisation dieser Art des Fernunterrichts (inklusive Herausfinden, welches Programm sich eignet, und den Eltern dabei zu helfen, es zu installieren) wäre kaum von mir allein zu stemmen gewesen; ich habe mich, was den Umgang mit dem Computer anging, gehörig nach der Decke strecken müssen, Fremdeln mit diesem Instrument war schon rein zeitlich nicht angesagt.

Der Arbeitsaufwand für einen Fernunterricht dieser Art, gerade auch, wo er mit Präsenzunterricht kombiniert werden muss, ist erheblich und könnte wohl nicht auf Dauer aufrechterhalten werden, wenn nicht im Laufe der Zeit eine Arbeitsroutine einträte, auf Lehrer- wie auch auf Schülerseite. Die Herausforderung im Umgang mit der Technik wirkt nicht mehr so verunsichernd, und das anfänglich auftretende Gefühl, nur nach außen ins Ungewisse zu liefern, ohne die einvernehmlichen Blicke und Worte der Kinder in der Klasse wahrzunehmen, trat schließlich zurück und ließ die gehaltvollen Beiträge, den Klassen-Chat mit all seinem Humor und die Zuneigung anlässlich verschiedenster Familienbesuche vor unserem Haus (mit Maske, Blumen, Limo etc.) in den Vordergrund treten.

Abschließend kann  ich sagen, dass ich selten in meinem Leben so viel gearbeitet habe und so rund um die Uhr erreichbar war, wie in den vergangenen Wochen. Aber es hat sich gelohnt: Die Schüler aus meiner Klasse machen den Eindruck, voller Weltinteresse und Schwung zu sein, haben eigene Ideen und arbeiten täglich und zuverlässig. Und das alles auf der Basis einer stabil gebliebenen Beziehung.  Was will man mehr?

Äußerungen aus der Elternschaft der Klasse

● Alle Eltern erlebten mit Beginn des Online-Unterrichts einen sehr herben Einschnitt in ihrem und dem Leben ihrer Kinder. Kamen die Kinder vorher zumeist erfüllt und angeregt von der Schule nach Hause, wirkte sich die soziale Begrenzung erheblich auf die Stimmungslage aller aus. Im Laufe der Zeit allerdings wurde das von den Kindern nicht mehr als so drückend erlebt.

● Von allen Eltern wird die gewählte Plattform inzwischen als sinnvoll und nützlich wahrgenommen. Allerdings brauchten alle Kinder in den ersten Tagen und Wochen einführende Hilfen der Eltern, um die verschiedenen noch ganz ungewohnten Handlungen am Computer zu erlernen. Einige Kinder brauchten guten Zuspruch, um zuverlässig am Ball zu bleiben. Manche Eltern fühlten sich dadurch zeitlich sehr belastet.

● Die Nutzung des Programms erwies sich für die meisten nach kurzer Zeit als unkompliziert.

● Alle Eltern fanden die übermittelten Arbeitsvorlagen, Audio- und Videobeiträge, Bilder und sonstigen Anregungen zur Zusammenarbeit lebendig und vielgestaltig und dadurch sinnvoll.

● Immer wieder wurde von Elternseite der Beitrag der Aufgaben aus dem »Classroom« für eine gesunde Tagesstruktur gelobt.

● Zoom-Meetings in Groß- und Kleingruppen wie auch Telefongespräche erfreuten die Kinder und stärkten die Zuversicht, dass wir eines Tages wieder zueinander finden werden.

● Eltern nahmen an ihren Kindern wahr, dass durch die tägliche Rückgabe an die Lehrerin, durch deren Wahrnehmung der Arbeit und durch die Korrekturen eine Stimmung der Verbindlichkeit und der Nähe entstanden ist.

● Vielen Eltern machte Angst, dass ihre Kinder schneller als sie selbst in diese digitale Welt einsteigen, dass sie von ihren Kindern überholt wurden. Im Zusammenhang damit stellte sich einigen die Frage, wie sie ihre Kinder vor den dunklen Seiten des Internets schützen könnten.

● Die Schüler haben nach der Aussage mancher Eltern an Selbständigkeit und Selbstorganisation gewonnen, v. a. auch durch das strukturierte Unterrichtsmaterial und die Arbeitsanleitungen.

● Die Schüler konnten bis zu einem gewissen Grade die Arbeitszeit und die flexible Bearbeitung der Aufgaben dafür nutzen, ihre eigene Zeitstruktur in diejenige der Familie einzupassen.

● Der Computer wurde von vielen Kindern nicht als Unterhaltungs-, sondern als Arbeitsmittel zum ersten mal kennen gelernt und genutzt.

● Das Gefühl, eine Klasse zu sein, blieb erhalten.

● »Jeden Morgen klang MüTi im O-Ton zwischen den Zeilen.«

Eine kleine Auswahl von Kommentaren aus Schülersicht

● »Ich brauchte für alle Aufgaben immer etwa 2-3 Stunden. Wenn schwere Bilder zu malen waren, manchmal länger.«

● »Das klappte dann auch ganz gut, nur waren manche ein wenig überfordert damit …  und auf ihre Eltern angewiesen, welche natürlich auch nicht rund um die Uhr für sie Zeit hatten. Also lösten wir dieses Problem auch ein bisschen damit, dass wir das Öfteren Hausaufgaben als Gruppenaufgaben aufbekamen.«

● »Bei Mathe dauert es immer etwas länger, also bei mir. Die Aufgaben dauern im Schnitt eine halbe Stunde. Es ist gut, dass man die Aufgaben einteilen kann, mal macht man es morgens und mal abends.«

● »MüTi fehlt manchmal bei den Aufgaben, man kann nicht mal eben fragen, wie es geht, sondern man muss sie entweder anrufen oder ihr schreiben.«

● »Viele Bilder dauern immer etwas länger, ungefähr eine Stunde.«

● »Ich persönlich bin selbständiger geworden, die anderen auch.«

● »Man braucht MüTi für Fragen, z.b. bei Mathe.«

● »Ich vermisse so sehr das Singen.«

● »Man kann morgens im Schlafanzug bleiben und erst mal schauen, wer aus der Klasse schon da ist.«

● »Die Gespräche mit MüTi und den anderen über das Hexenkind waren gut.«

● »Ich mache mir jetzt immer eine Liste von allen Aufgaben, die arbeite ich dann ab. Dann vergesse ich nicht so viel.«

● »Wir machen jetzt alles alleine am Computer.«

● »Zuerst war die Technik schwer, aber ich habe das gelernt.«

● »Zuerst erschienen die Aufgaben immer sehr viel, aber später dann geht's.«

● »Es ist einfach schlecht, dass man manchmal nicht eben einmal den Lehrer fragen kann.«

● »Ich vermisse es, mit den anderen zu reden, die Freunde zu sehen, mit ihnen was zu machen.«

● »Unsere beiden neuen Schülerinnen können nicht so leicht in die Klasse hinein wachsen.«

● »Doofe Sachen mache ich zuerst.«

● »Alles in allem sind wir aber auch ein Stück weiser und erfahrener geworden.«

Zu den Autoren: Anka Müller-Tiburtius, Klassenlehrerin der 6. Klasse in der FWS Everswinkel. Ausbildung als Klassen- und Musiklehrerin in Witten-Annen. Vorher 20 Jahre Sozialtherapie mit schwerst-mehrfachbehinderten Erwachsenen, Heimleitung. ankamueti(at)gmail.com

Rüdiger Reichle, Schulberater und Konfliktmoderator. Moderator Waldorf Experten Service. 43 Jahre Waldorf-Klassenlehrer. Sonderpädagoge. ruediger.reichle(at)gmail.com

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