Warum positive Gedanken stark machen

Von Michaela Glöckler, April 2020

Für viele Eltern ist nicht das Virus das Hauptproblem – sie haben Existenzängste, weil Kurzarbeit oder die Kündigung droht, sie können den Schulbeitrag nicht mehr bezahlen, ihre Firmen gehen kaputt. Viele sind mit der ungewohnten Situation zu Hause überfordert – oder sind plötzlich Hilfslehrer für mehrere Kinder. Deprimierend ist auch für so manche Familie, dass der Osterurlaub ausfällt, der Ostergottesdienst nur online besucht werden kann und man nicht weiß, wie es weiter gehen wird. Gedanken beginnen zu kreisen oder verfolgen einen.

Zunehmend wird uns auch bewusst, in wie hohem Maße die gewohnten persönlichen Freiheitsrechte eingeschränkt sind. Und, was man zunächst nur im fernen China realisiert hat – nämlich die elektronische Totalüberwachung der Bevölkerung – wird plötzlich zu etwas, was überall auf der Welt vorhanden ist und auch genutzt wird – auch bei uns, insofern es nötig erscheint. Der Mitentwickler dieser Technologie in den USA, MIT-Professor Joseph Weizenbaum, sagte in einem Interview im Orwell-Jahr 1984 auf die Frage, ob der totale Überwachungsstaat kommen wird: »Natürlich, darauf wird ja konsequent hingearbeitet. Aber wenn er wirklich kommt, dieser Staat, dann ist er viel eher eine Folge davon, dass die Menschen ihre Freiheit nicht mehr verteidigen, als dass der Computer die Schuld daran trüge.« Er nannte das Stalin- und Hitler-Regime als Beispiele, wie die Totalüberwachung auch ohne Computer möglich sei und wie sehr eine gedeihliche Zukunft der Menschheit davon abhänge, dass sich Moralität und Mitmenschlichkeit entwickeln.

Und so kann es einem Mut machen zu sehen, wieviel Positives und Fürsorgliches jetzt in der Corona-Krise neben aller Angst und Sorge auch entstanden ist und weiter entsteht. Viele Menschen sagen und schreiben, wie sie wieder begonnen haben, darüber nachzudenken und zu sprechen, was eigentlich wirklich wichtig ist und was letztlich doch unwesentlich. Dann scheint es mit einem Mal wie selbstverständlich, dass es die realen menschlichen Beziehungen sind, auf die es ankommt und die Arbeit daran, sie weiterzuentwickeln und immer noch »menschlicher« werden zu lassen. Es ist aber auch zu hoffen, dass im Rahmen der Aufarbeitung dieser Krise – insbesondere wirtschaftlich, sozial und mit Bezug auf das Gesundheitswesen – andere Gedanken wegleitend werden als vor der Krise. Doch noch stecken wir mittendrin und erleben, in welchem Ausmaß unser Wohlbefinden davon abhängt, wie wir über uns und die Lage denken. Welche Macht Gedanken besitzen und welche Gefühle sie in uns im Guten wie im Schlechten wecken können. Die im Folgenden beschriebenen Tipps zur Stärkung des Immunsystems nehmen auch darauf Bezug.

Tipps zur Stärkung des Immunsystems

Auf körperlicher Ebene ist dies vor allem ausreichender Schlaf, gesunde Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung an der frischen Luft. Hat man sich aber erkältet und ist Fieber im Anzug, muss man dieses gut begleiten und wenn irgend möglich Fieber senkende Mittel vermeiden (Die Website http://warmuptofever.org/de/ gibt darüber detailliert Auskunft.) – Warum ist das wichtig? Fieber ist eine starke Waffe, mit der der Organismus selbst Viren bekämpfen und abtöten kann. David Martin geht in zwölf Interviews zu allen Fragen rund um Fieber, Allergie und Immunsystem ein (https://t1p.de/lvj3). Treten Symptome auf, so ist das Buch von Markus Sommer: Grippe und Erkältungskrankheiten natürlich heilen sehr zu empfehlen.

Auf seelischer Ebene sind es positive Gefühle, die helfen, gesund zu bleiben. Denn dass gerade Gefühle sehr stark Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie tief oder wie oberflächlich wir atmen, wie regelmäßig und entspannt oder angespannt und stockend, kennt jeder aus eigener Erfahrung. Da die Atemwege bei COVID-19 besonders betroffen sein können, ist es besonders wichtig, sich diesen Zusammenhang bewusst zu machen.

Wie aber kann man positive Gefühle erzeugen, wenn man Angst vor Ansteckung hat? Wenn man Stress und Wut hat in den beengten häuslichen Verhältnissen? Wenn man Sorgen hat um Kranke oder alte Familienangehörige, mit denen man nur noch telefonisch Kontakt halten und die man nicht besuchen kann?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: an erster Stelle steht sicher Musik, die man liebt. Hört man sie und kann sich auf sie einlassen, so erlebt man unmittelbar, wie sich die Seelenstimmung und der Gefühlszustand ändern. Auch die Besinnung auf Momente im Leben, in denen man zufrieden und glücklich war, können einem deutlich machen, dass dies zwar jetzt eine Krise ist, aber sicher auch wieder andere Zeiten kommen werden. Hinzu kommen Gebete und Meditationen, die man sich vornehmen kann. Zum Beispiel ein solcher von Rudolf Steiner, der hilft, innere Ruhe wieder herzustellen:

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte die mich stärken.

Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.

Und fühlen will ich
wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

Im Zwischenmenschlichen hilft sehr, wenn man bewusster zuhört, was der andere sagen will und anstatt sofort zu reagieren, einen Moment überlegt, wie man die Antwort so formuliert, dass sie gut aufgenommen werden kann. Der Salutogenese-Forscher Aaron Antonovsky (1923-1994) fand drei Gefühlsqualitäten heraus, die den Menschen innerlich sicher und widerstandsfähig (resilient) machen können. Übt man sie im Dialog zu Hause und am Arbeitsplatz (wenn dies wieder möglich ist), so kann man sich und anderen helfen, freier zu atmen und sich gesünder zu fühlen.

Diese drei Gefühlsqualitäten sind: Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit, Handhabbarkeit.

Dabei ist entscheidend, dass man sie erlebt und fühlt. Sich verstanden fühlen und das Gefühl zu haben, den anderen zu verstehen, ist das, was gesundet und bewirkt, dass man sich gut fühlt. Um das zu üben, kann man die Dialoge und Gespräche des Alltags als Gelegenheiten nehmen, ehrliches Interesse aneinander zu entwickeln. Denn ohne echtes ehrliches Interesse haben wir es eher mit Missverständnissen als mit Verstehen zu tun.

Entsprechend ist es mit der Sinnhaftigkeit. Auch hier geht es um gefühltes Erleben. Wie wichtig ist es gerade jetzt, auch nach dem Sinn einer solchen Pandemie zu fragen und sie nicht nur als etwas zu sehen, was über uns kommt und den einzelnen in Ohnmacht versetzt. Je mehr Menschen sich Gedanken machen, was nach der Pandemie anders laufen sollte, was man aus ihr individuell und gesellschaftlich lernen kann, umso besser werden wir uns damit fühlen.

Das dritte ist das Gefühl der Handhabbarkeit, – dass man trotz aller Beschränkungen Herr der Lage bleibt.

Auf geistiger Ebene wirken gute Gedanken und Motivationen immunstimulierend, die auf das Wesentliche gerichtet sind und uns spüren lassen, dass wir nicht nur aus einem physischen Leib bestehen, sondern auch eine dem Denken zugängliche geistige Individualität sind.

Gute Gedanken sind es aber auch, die Menschen verbinden. Wie stark wird es oft von Kranken erlebt, wenn Menschen gute Gedanken schicken. Woher kommt diese Macht, die gute Gedanken haben? Schon eine einfache Überlegung macht dies deutlich: Es sind ja letztlich immer Gedanken, Gesetzmäßigkeiten, die das Leben und unsere Mitwelt bestimmen – auch die technischen Instrumente, die wir schaffen. Gesetzmäßigkeiten wirken – jeder Gesetzmäßigkeit liegt aber ein Gedanke zu Grunde. Gedanken sind wirkmächtige Gesetzlichkeiten.

Auch in der Selbsterziehung ist dies tägliche Erfahrung: Ich entwickle mich in der Richtung, wie ich es mir zunächst einmal gedanklich vornehme und dann übend realisiere. Und so ist es auch mit dem Glauben und dem Vertrauen: Ich glaube an das, was ich denkend erfassen kann – welche Werte ich habe, welches Gottes- und Evolutionsverständnis. Das bestimmt auch meinen Glauben, der durch jedes neue Verständnismoment eine Stärkung erfährt. Und so wie das Urvertrauen einerseits eine Existenzerfahrung ist, die viele Menschen schon aus der Kindheit mit ins Leben nehmen können, weil sie sich umsorgt und behütet erleben durften – so gibt es noch die andere Qualität des Urvertrauens, die sich jeder Mensch im späteren Leben selbst erarbeiten kann – ganz unabhängig davon, wie Kindheit und Jugend verlaufen sind: Es ist dies das Vertrauen in das eigene Denken.

Warum können uns bestimmte Vorstellungen in Panik, Angst oder Schrecken versetzen? Weil wir ihnen unmittelbar glauben. Warum können andere Gedanken uns die Angst nehmen und Seelenfrieden schenken? Warum haben Worte und Gedanken, wie sie der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in seinem Gebet wenige Monate vor seiner Hinrichtung im Gefängnis niedergeschrieben hat, eine so starke Wirkung, dass sie bald Bestandteil jeder größeren Gebetssammlung geworden sind? Eine Strophe daraus möge daran erinnern:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Worte wie diese haben deswegen eine unmittelbar heilsame und ichstärkende Wirkung, weil Gedanken nicht nur als Naturgesetze die materielle Welt beherrschen, sondern auch die Brücke bilden in die unsichtbare göttlich-geistige Welt. Wer sich mit seinem Denken auch hier beheimaten lernt und sich mit Zielen und Idealen identifiziert, die aus dieser Welt stammen, hat sich eine unversiegliche Gesundheitsquelle erschlossen. Er erlebt die Kraft und Wirksamkeit guter Gedanken unmittelbar. Dann ist es auch nicht mehr schwer, sich vorzustellen, dass dies auch die Form ist, wie man mit Verstorbenen und göttlich-geistigen Wesen kommunizieren kann.

Goethe hat dieses Erlebnis für sich in seinem Gedicht »Vermächtnis« so zum Ausdruck gebracht:

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ew’ge regt sich fort in allen!
Am Sein erhalte ich beglückt!
Das Sein ist ewig; denn Gesetze
Bewahren die lebendigen Schätze,
Mit welchen sich das All geschmückt.

Rudolf Steiner hat dies einmal für einen Schüler so formuliert:

Das Schöne bewundern,
Das Wahre behüten,
Das Edle verehren,
Das Gute beschließen.

Es führet den Menschen
Im Leben zu Zielen,
Im Handeln zum Rechten,
Im Fühlen zum Frieden
Im Denken zum Licht
Und lehrt ihn Vertrauen
Auf göttliches Walten
In allem, was ist
Im Weltenall
Im Seelengrund.

Literatur:

M. Glöckler: Schule als Ort gesunder Entwicklung. Erfahrungen und Perspektiven aus der Waldorfpädagogik für die Erziehung im 21. Jahrhundert, Stuttgart 2020

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