Wesentliche Aspekte der aktuellen »Corona-Krise«

Von Volker Frielingsdorf, April 2020

Zurzeit beherrscht die »Corona-Krise« die aktuellen Nachrichten und die allgemeine Berichterstattung in einem fast schon beängstigenden Maße. Da ferner die von Seiten der Politik getroffenen Maßnahmen in das Leben jedes Einzelnen eingreifen, ist es nicht verwunderlich, dass sehr viele Menschen zutiefst beunruhigt sind. Die allgemeine Betroffenheit ist immens, Angst und Panik sind allgegenwärtig.

Umso wichtiger ist es, trotz allem einen klaren Kopf zu bewahren und besonnen zu agieren. Die hier nachfolgend von mir zusammengestellten Aspekte und Dimensionen der gegenwärtigen Krise erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich verfolge damit aber das Ziel, auf höchst unterschiedliche Gesichtspunkte dieser ungemein komplexen Gemengelage hinzuweisen. Panik und Angst sind bekanntlich keine guten Ratgeber. Vielmehr kommt es gerade jetzt darauf an, die Sachverhalte differenziert, ganzheitlich und mit einer Portion gesundem Menschenverstand anzuschauen. Dies zu tun, sei hier versucht. Der Übersichtlichkeit halber habe ich im Folgenden die mir wichtigen vierzig Punkte durchnumeriert.[1]

[Anmerkung der Redaktion: Der Text wurde vom Autor um weitere 10. Punkte ergänzt. Siehe weiter unten 41 ff.]

  1.   Nach allem, was man bisher sagen kann, sind die in Deutschland erlassenen gravierenden Regelungen und Einschränkungen insgesamt sinnvoll und notwendig. Ohnedem, also bei einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus, wären die Folgen, insbesondere die zu befürchtende totale Überforderung des Gesundheitswesens, unkalkulierbar geworden. Insofern waren die mittlerweile ergriffenen Maßnahmen ohne Alternative.

  2.   Die noch rigoroseren Maßnahmen, die in Italien, Spanien und auch in Frankreich ergriffen wurden, erscheinen überzogen, vor allem, weil dadurch die Bewegungsfreiheit der Menschen in einer Weise eingeschränkt ist, die sich unweigerlich kontraproduktiv und krankmachend auswirkt.

  3.   Da es sich bei alledem um eine Notstandssituation handelt, sollten momentan alle Menschen die getroffenen Maßregeln akzeptieren und befolgen, um sich selbst und alle anderen bestmöglich zu schützen. Verantwortungslos ist es, in dem gegenwärtig ohnehin ungemein angespannten Ausnahmezustand Verschwörungstheorien und Horrorszenarien zu verbreiten, die die allgemeine Verunsicherung nur noch verstärken.

  4.   Auf der anderen Seite wird es nach Beendigung dieser die ganze Menschheit betreffende Krise unerlässlich sein, die gemachten Erfahrungen mitsamt dem Regierungshandeln und den Empfehlungen der Experten kritisch aufzuarbeiten und zu analysieren. Eine Art Manöverkritik wird dann absolut geboten sein – aber wirklich erst dann, wenn die Krise vorbei ist.

  5.   Bis dahin sind Loyalität und die Befolgung der Regeln bei Beibehaltung einer kritischen Grundhaltung oberste Bürgerpflicht.

  6.   Das Corona-Virus gefährdet nach allem, was wir wissen, vorwiegend ältere Menschen, insbesondere dann, wenn ihr Immunsystem geschwächt ist. Die Letalität liegt vermutlich insgesamt bei 0,3 bis 0,7 % der Infizierten. Glücklicherweise sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zum Alter von 60 bis 65 Jahren so gut wie gar nicht gefährdet. Dagegen ist das Virus für über 70-jährige mit Vorerkrankungen besonders gefährlich.

  7.   Das Durchschnittsalter der mit dem Corona-Virus infizierten Verstorbenen liegt in China wie in Italien bei etwa 80 Jahren. Die meisten Opfer hatten mehr als eine Vorerkrankung. Die Tatsache, dass rund 70 % der Verstorbenen Männer sind, rührt vor allem daher, dass in diesen Altersgruppen die meisten Frauen im Gegensatz zu den Männern nicht geraucht haben.

  8.   Da das Virus vor allem die Lunge angreift, hat die sowohl in Wuhan als auch in der Lombardei sehr hohe Luftverschmutzung das Risiko für gefährdete Menschen deutlich erhöht. In der Lombardei verstärken besonders in den Wintermonaten extrem viele Nebeltage den durch Industrie und Abgase verursachten Smog nochmals erheblich.

  9.   Bei der Einschätzung des Gefährdungspotentials des Corona-Virus ist es wichtig, sich klarzumachen, dass auch die üblichen Grippeepidemien in jedem Winter weltweit mehrere hunderttausend Opfer fordern. Und alleine in Deutschland gab es seit 1980 sechs Grippewellen mit jeweils mehr als 20 000 Toten. Hierbei ist weiter zu bedenken, dass die Mortalität erheblichen jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist. So sterben an einem durchschnittlichen Märztag in Deutschland über 300 Menschen mehr als an einem normalen Tag im September.

10.   Es bringt nicht viel, in den Medien immer wieder absolute Zahlen von Opfern zu nennen, ohne diese in Relation zu anderen Bezugsgrößen zu setzen. So ist es sehr wichtig zu wissen, dass in Deutschland durchschnittlich pro Tag rund 2 500 Menschen sterben, in Italien ca. 1 800 und in China mehr als 50 000. Und wer ahnt schon, dass weltweit jeden Tag an Tuberkulose mehrere Tausend Menschen sterben – und davon bis zu 200 000 Kinder pro Jahr?

11.   Es sollte die selbstverständliche Pflicht gerade der öffentlich-rechtlichen Medien sein, derartige Zusammenhänge nachvollziehbar zu erklären und aufzuzeigen, welche der genannten Zahlen Besorgnis erregend sind – und welche nicht. Dies gilt insbesondere für das Verständnis statistischer Zusammenhänge und die Verläufe mit exponentiellem Wachstum. Ebenso wichtig ist es zu zeigen, wie viele Menschen durch das Corona-Virus sterben und wie viele mit dem Virus, zugleich, wie hoch die Zahl der Genesenen ist und wie hoch die der Infizierten ohne Symptome.

12.   Allein ein behutsam-sorgfältiger Umgang mit dem vorhandenen Datenmaterial trägt dazu bei, das tatsächliche Gefahrenpotential genauer einzuschätzen. Nur so kann es gelingen, einen Weg zwischen apokalyptischer Dramatisierung und fahrlässiger Verharmlosung zu finden.

13.   In den letzten Wochen ist hingegen von Politik und Medien eine in dieser Schärfe kaum mehr nachvollziehbare Überzeichnung geschehen, die mehr und mehr kontraproduktiv wirkt. Wenn etwa davon die Rede ist, dass dies alles die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg ist, so zeugt dies von einer erstaunlichen Geschichtsvergessenheit – oder waren etwa die Nachkriegsjahre, der Korea-Krieg, die Kuba-Krise, der Kalte Krieg, Tschernobyl usw. nicht ebenfalls höchst beunruhigende Krisen, die allenfalls im Rückblick wenig dramatisch erscheinen?

14.   In diesem Zusammenhang ist das partielle Versagen der Kirchen besonders erschreckend: Keine Gottesdienste mehr, keine Sakramente, in Teilen Italiens gibt es nicht einmal mehr die gewohnten Beerdigungszeremonien. Mehrdimensionale Seelsorge, Psychotherapie und Präventionsmedizin wären aber in der jetzigen Krisensituation nötiger denn je.

15.   Die weitgehende Fokussierung fast der gesamten Berichterstattung auf »Corona« blendet andere wichtige Themen weitgehend aus (wie z. B. die Flüchtlingskrise, das Elend der Menschen in Idlib, den Klimawandel, den Rechtsextremismus usw.). Eine derartige monothematische Fixierung verstärkt die ohnehin bestehenden diffusen Ängste in einem Ausmaß, das auf jeden Fall krankmachend ist. Die Psychoneuroimmunologie zeigt, wie sehr Stress, Leid und Ängste das Immunsystem schwächen und sich pathogen auswirken (»Angst essen Seele auf«).

16.   Dies gilt in noch stärkerem Maße für Ausgangsbeschränkungen und -verbote. Die Einpferchung der Menschen in ihren Wohnungen und Häusern bewirkt einen eklatanten Bewegungsmangel und eine enorme psychosoziale Belastung. Dies gilt insbesondere für beengte Wohnverhältnisse und Milieus, in denen schon jetzt ein Anstieg häuslicher Gewalt zu beobachten ist. Die immensen Einschränkungen sind für ohnehin vereinsamte Menschen doppelt schlimm; vermehrte psychosomatische Erkrankungen, Depressionen und Suizide dürften die Folge sein.

17.   Der so genannte Lockdown des öffentlichen und des wirtschaftlichen Lebens bewirkt eine weitere Verschärfung der ohnehin schon problematischen Situation, zumal nun auch noch Finanzhilfen in dreistelliger Milliardenhöhe alleine in Deutschland zur Verfügung gestellt werden müssen, um die bevorstehende Wirtschaftskrise abzumildern.

18.   Bei alledem ist es absolut erforderlich, dass im Sinne einer die Folgewirkungen mit einbeziehenden Verantwortungsethik sorgfältige Güterabwägungen vorgenommen werden. So wichtig der Rat von Virologen und Epidemiologen ist – ebenso wichtig ist es, sozialpsychologische Faktoren, Risikofolgenabschätzungen und konträre Gesichtspunkte zu berücksichtigen.

19.   Eine wirkliche Verantwortungsethik muss vor allem berücksichtigen, was die Einschränkung bzw. Aussetzung zentraler Grundrechte nach sich ziehen kann. Die massiven Beschränkungen, bei deren Nichtbeachtung enorme Bußgelder drohen, müssen aber unbedingt temporär bleiben. Viele Politiker haben es leider versäumt, dies deutlich auszusprechen.

20.   Ähnliches gilt für die EU, die momentan de facto in vielem wie gelähmt erscheint. Auch hier haben es die Verantwortlichen versäumt zu betonen, für wie lange sie die getroffenen Grenzschließungen aufrecht halten wollen und welche Exit-Strategie sie haben. Eine koordinierte Zusammenarbeit gibt es zurzeit kaum noch, Nationalismus und Egoismus (»My country first« ...) triumphieren, die Europaidee braucht dringend eine Wiederbelebung/Notbeatmung.

21.   Gerade die Außerkraftsetzung von Grundrechten und die nationalen Alleingänge haben sich in bis dahin kaum vorstellbarer Weise verselbständigt und entwickeln eine sehr problematische Eigendynamik. Verstärkt um damit einhergehende Gewöhnungseffekte kann dies in Zeiten von Angst und Verunsicherung schnell zu einer breiten Akzeptanz führen, auch wenn eigentlich kaum jemand eine weitgehende Einschränkung der Grundrechte wirklich will.

22.   Naturgemäß gibt es intern und weltweit auch verschiedene Gruppierungen, die ein großes Interesse daran haben, die Zersetzungsprozesse innerhalb der EU und in den liberaldemokratischen Staaten zu verstärken. Hier ist vor allem an die russischen Staatsmedien zu denken, ferner an den Einfluss der so genannten sozialen Medien, die nicht zuletzt auch rechtsextremistischen Gruppen, Apokalyptikern, Geschäftemachern und Hysterikern offene Foren bieten.

23.   Die allgemeine Verunsicherung erzeugt eine weitgehende Verängstigung, die es nur noch leichter macht, radikale Einschränkungen des öffentlichen Lebens ohne viel Federlesen durchzusetzen. Damit sind aber die Folgewirkungen der ergriffenen Maßnahmen vermutlich bald in ihrer Summe gravierender als die der eigentlichen »Corona-Krise«.

24.   Die Zahl der zu befürchtenden Todesfälle muss unbedingt in Relation zu der üblichen Mortalität gesehen werden. Die Schätzung für Deutschland lag bei Prof. Drosten in einem Worstcase-Szenario bei über 250 000 Opfern. Dagegen geht Prof. Kekulé von maximal 40 000 Toten aus. Er hat dabei ausdrücklich vor »Superhorrorszenarien« gewarnt.

25.   So halten es einige Epidemiologen für möglich, dass das Corona-Virus vielleicht doch nur das Ausmaß einer sehr starken Influenza haben könnte. Ansonsten sind sich alle ernstzunehmenden Experten darin einig, dass die momentane Datenlage noch mit so vielen Unsicherheiten behaftet ist, dass sich – leider – zurzeit noch keine sicheren Prognosen machen lassen.

26.   Die ergriffenen Maßnahmen können nun fatalerweise sehr schnell kontraproduktiv wirken, da die Einschränkung von Bewegung, sozialen Kontakten und öffentlichem Leben ihrerseits krankmachend ist. Man muss kein Arzt sein, um sich klarzumachen, dass dies alles seelische und körperliche Krankheiten bewirken kann und bewirken wird.

27.   Daher ist es besonders wichtig zu verdeutlichen, was jeder Einzelne tun kann, um sich selbst und seine Angehörigen zu stärken. Der Schlüsselfaktor ist dabei das Immunsystem, und zwar gleichermaßen für gefährdete wie für gesunde Menschen. Gerade derzeit muss alles getan werden, um die eigenen Abwehrkräfte zu festigen. Mehr Selbstverantwortung und weniger Fremdbestimmung, auch nicht durch Experten, können hier Wunder wirken.

28.   Die Stärkung des Immunsystems gelingt vor allem durch genügend Bewegung in der frischen Luft und durch eine gesunde vitamin- und ballaststoffreiche sowie zuckerarme Ernährung. Das Rauchen ist gerade in dieser Situation besonders problematisch und sollte, wenn schon nicht ganz, so doch möglichst weitgehend eingeschränkt werden.

29.   Ebenso wichtig sind alle psychohygienischen Maßnahmen, die dazu dienen, das seelische Gleichgewicht zu erhalten oder wiederherzustellen. Angesichts der weit reichenden Kontaktsperre, die vor allem nicht berufstätige Menschen betrifft, sind Telefon, Briefe, Mails und die sozialen Netzwerke nun besonders wichtig, um die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. 

30.   Auch die Beschäftigung mit positiven geistigen Inhalten, mit Kunst und Musik, mit Religion und Wissenschaft sollte unbedingt vermehrt propagiert und angeregt werden. Dank des Internets haben nun die allermeisten Menschen den Zugang zu nahezu unendlichen Informationsangeboten, die jetzt im Sinne der eigenen Weiterbildung und Entwicklung genutzt werden können.

31.   Im Wissen darum, dass Ängste, diffuse Bedrohungsvorstellungen und allgemeine Hysterie schädlich sind, sollten alle Beteiligten versuchen, die bestehenden Gefahren nicht noch weiter zu dramatisieren. Eine entsprechende Informationspolitik im Großen des öffentlichen Bereichs ebenso wie im Kleinen des privaten zwischenmenschlichen Austauschs kann hier sehr viel bewirken.

32.   Eine verantwortungsbewusste Kommunikation seitens der Politik und der Medien müsste nun alles tun, um die notwendige Abschottung und Einschränkung der Menschen dadurch abzufedern, dass jetzt wieder die gesundmachenden Kräfte gestärkt werden. Eine zuversichtliche positive Geisteshaltung hilft mehr als eine Katastrophenberichterstattung, die nach wie vor sensationshaschend betrieben wird und die ihren Wert allein an Einschaltquoten und Klicks bemisst.

33.   Die notwendig gewordene Zwangspause, die insgesamt schon jetzt zu einer bemerkenswerten Entschleunigung geführt hat, bietet auch sehr viel positives Entwicklungspotential. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn wir alle und die Menschheit als Ganzes einmal für eine gewisse Zeit zur Besinnung kommen und uns überlegen, was wir wirklich wollen, was wichtig ist – und was nicht.

34.   Jede Krise ist immer auch eine Chance. Das ist dieses Mal nicht anders! Bei der verständlichen Fokussierung auf die Folgen, die das Virus für den Menschen mit sich bringt, sollten wir nicht vergessen, dass die Natur, insbesondere die Tier- und Pflanzenwelt, von dem weit reichenden Lockdown sehr profitiert: Die Luft ist momentan deutlich sauberer, Gewässer und Meere werden weniger belastet, Ruhe und Stille sind gegenwärtiger, die Atmosphäre wird weniger aufgeheizt, da zurzeit der CO2-Ausstoß deutlich vermindert ist, usw.

35.   Wir sollten schon jetzt darüber nachdenken, wie das Leben nach »Corona« aussehen soll. Für die bewusste Gestaltung der anschließenden Zeit wird vieles davon abhängen, welche Folgerungen wir jetzt in der Zeit des weltweiten Ausnahmezustands ziehen.

36.   Bei der Frage der Dauer der »Corona-Krise« sollten wir nicht davon ausgehen, dass sie sich über viele Jahre hinziehen wird. Vielmehr lehrt die Geschichte der Seuchen und Epidemien, dass diese in der Regel nach einigen Monaten abklingen und normalerweise zwischen sechs und achtzehn Monaten die betroffenen Gesellschaften in Atem hält, dann aber ebenso plötzlich, wie sie gekommen ist, auch wieder verschwindet. Einiges spricht dafür, dass es auch dieses Mal wieder so sein wird.

37.   Die Bezeichnung Corona ist sehr sprechend und symbolträchtig. So versteht man unter »Korona« den Kranz der Atmosphäre, der die Sonne umgibt, ihren Hof, ihre Aureole. Es berührt merkwürdig, dass das akute Virus ausgerechnet nach diesem Lichtkranz unseres Zentralgestirns benannt ist.

38.   Besonders beziehungsreich ist die Benennung Corona auch in der Musik. Der aus dem Italienischen (!) stammende Ausdruck bedeutet in der Partitur so viel wie das abrupte gleichzeitige Stillschweigen aller Stimmen und Instrumente. Diese Corona wird im Deutschen als »Generalpause« bezeichnet. Sie ähnelt dabei der Fermate, die in der Notenschrift eine kürzere Pause signalisiert (»fermate« (ital.) bedeutet übrigens: »Haltet an, unterbrecht, setzt außer Betrieb!«).

39.   Die Zeit dieser erzwungenen Quarantäne (frz. für »vierzig Tage«) bewirkt für uns alle eine veritable generelle Pause, die erstaunlicherweise ziemlich genau mit der diesjährigen Fastenzeit zusammenfällt. Spricht etwas dagegen, diese Tage und Wochen im christlichen Sinne zu nutzen, als Zeit zur inneren Einkehr und Besinnung, zum Aufräumen und zum Luftholen?

40.   Wir könnten uns ja auch so einiges vornehmen, versuchen, an uns selbst zu arbeiten, etwas freundlicher und wohlwollender zu werden. Wir können eine Standortbestimmung vornehmen, Dinge klären, Pläne machen, z.B. ...

10 weitere wesentliche Aspekte der aktuellen »Corona-Krise«

Die nach wie vor allgegenwärtige Corona-Krise mit dem nun schon mehrwöchigen Lockdown veranlasst mich dazu, meine vorherigen vierzig Gesichtspunkte zu erweitern. Hierfür gilt, dass sich die mittlerweile fünfzig Aspekte ergänzen und in engem Zusammenhang zueinander gesehen werden müssen. Sie machen also nur dann Sinn, wenn man sie als Ganzes zur Kenntnis nimmt.

Nachfolgend nun die zehn Erweiterungen zu meinen Ausführungen von vor einer Woche.

   41.   Die befürchtete Überlastung des Gesundheitswesens hat sich bislang in Deutschland nicht be-wahrheitet. An Ostern waren hier laut RKI über 40 % der Intensivbetten nicht besetzt. Auch in Italien hat sich die Situation im Laufe der Karwoche etwas entspannt. Anfang April waren dort noch über 4 000 Intensivbetten belegt, mittlerweile sind es unter 3 400. Die Zahl der pro Tag Verstorbenen hat sich in der besonders stark betroffenen Lombardei in der Karwoche mehr als halbiert; in Deutschland ist die Gesamtzahl der Infizierten erstmals rückläufig.

   42.   Die Einschätzung der Datenlage hinsichtlich der Letalität, der Dunkelziffer der Infizierten und hinsichtlich der weiteren Entwicklung ist nach wie vor mit extrem vielen Unsicherheiten belastet, sodass in vielen Teilfragen immer noch keine validen Aussagen gemacht werden können. Deshalb ist es weiterhin nicht möglich, seriös zu beurteilen, wie hoch beispielsweise die Letalität des Corona-Virus tatsächlich ist. Es ist nur natürlich, dass dies alles verunsichernd wirkt – andererseits ist es unerlässlich, dass sich die Entscheidungsträger ebenso wie Journalisten und Bürger immer wieder aufs Neue klar machen, dass wir bei vielen Fragen trotz einer immensen Datenflut nur wissen, wie wenig wir wirklich wissen.

   43.   Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Auswirkungen der Corona-Krise, dass fundamentalistische religiöse Gruppen unterschiedlichster Provenienz in besonders starkem Ausmaß betroffen sind. Dies gilt für einige extreme evangelikale Gruppierungen und ultraorthodoxe Juden ebenso wie für moslemische Pilger und Mitglieder orthodoxer Ostkirchen. Diese ansonsten höchst unterschiedlichen Religionsgemeinschaften haben die strikten Auflagen, die sonst verhängt und weitgehend befolgt wurden, nicht ernst genommen und leiden nun unter einer besonders hohen Quote an Infizierten.

   44.   Auch Rechtspopulisten und autoritäre Herrscher haben es sich mit der Corona-Krise vor allem anfangs zu leicht gemacht und versuchen nun, mit drastischen Maßnahmen gegenzusteuern. Dagegen sieht es so aus, als ob es mehreren liberaldemokratische Staaten mit ihren zumeist komplizierten Entscheidungsprozessen gelungen ist, die Krise recht gut zu meistern. Dabei zeigt sich, wie entscheidend es ist, bei allen sonstigen Einschränkungen die Presse- und Meinungsfreiheit zu wahren – die Überlegenheit einer pluralistischen Gesellschaft scheint sich also auch in dieser extremen Belastungssituation zu beweisen.

   45.   Das Ausmaß der ökonomischen Folgen des Lockdown werden von Tag zu Tag deutlicher und dramatischer. Schon jetzt ist klar, dass eine Rezession sondergleichen im ersten Halbjahr des laufenden Jahres nicht mehr zu verhindern ist. Nur bei einer alsbaldigen Normalisierung des Wirtschaftslebens dürften die Folgen einigermaßen verkraftbar sein. Bis Ende 2021 würden dann die meisten Volkswirtschaften die derzeitigen Verluste in etwa wieder kompensiert haben.

   46.   Die finanziellen Belastungen der im Eilverfahren beschlossenen immensen Rettungsschirme sprengen die Vorstellungskraft der meisten Menschen (und vermutlich auch vieler Politiker). Der dadurch bedingte enorme Anstieg der Staatsverschuldung führt dazu, dass die mühsame Konsolidierungspolitik der 2010er Jahre mit einem Schlag Makulatur ist. Und im Falle Italiens droht binnen kurzem der Staatsbankrott. Da die EU dies um jeden Preis verhindern wird, droht die Gefahr einer Insolvenzverschleppung – die ist aber in der Regel auch kein probates Mittel.

   47.   Die schrittweise allmähliche Aufhebung des Lockdown ist absolutes Gebot der Stunde. Es muss dringend diskutiert werden, wie die teilweise überzogenen Einschränkungen (Schließung von Spielplätzen und Sportanlagen, kleinen Geschäften, Buchhandlungen und Kirchen) mit Augenmaß gelockert werden können und unter welchen Bedingungen die Produktion in der Industrie wieder hochgefahren werden kann.

   48.   Es bleibt abzuwarten, ob sich nach der zu erhoffenden und zu erwartenden Normalisierung tatsächlich vieles wirklich verändern wird. Auch wenn viele derzeit davon ausgehen, dass nach Beendigung der Krise „nichts mehr wie zuvor sein wird“, ist – leider – eher zu erwarten, dass hinterher, verstärkt durch ein enormes Nachholbedürfnis, sich die alten Verhaltensmuster und Gewohnheiten erneut durchsetzen werden. Wenn sich tatsächlich Dinge nachhaltig ändern sollen, dann wird das nur gelingen, wenn dies jetzt geschieht. Denn: Nur in der Zeit, in der die Bedrohung akut empfunden wird, besteht realistischerweise eine Hoffnung, dass tief verwurzelte Strukturen und Einstellungen in Frage gestellt und revidiert werden.

   49.   Es lohnt sich zu fragen, ob und inwiefern diese spezifische Pandemie für unsere Epoche charakteristisch ist. Unter dieser Fragestellung könnte man darüber nachdenken, was das Corona-Virus selbst, was die dadurch verursachte Pandemie und die sich abzeichnende Weltwirtschafts- und -finanzkrise für die Menschheit als Ganzes und für jeden Einzelnen bedeuten und bewirken können. Viel wird davon abhängen, ob wir uns dieser Fragerichtung stellen wollen.

   50.   Last but not least! Bei allen Problemen und Schwierigkeiten, die wir in den postmodernen Wohlstandsgesellschaften derzeit haben, sollten wir nicht und niemals vergessen, dass für die Ärmsten der Armen die Folgen der akuten Krise ihre gesamte Existenz bedrohen. Rund 800 Millionen Menschen haben auch ohnedem weniger als zwei Euro täglich zur Verfügung – zwei Euro, wohlgemerkt, kaufkraftbereinigt! Die Zahl der Menschen, die derart in absoluter Armut leben, wird sich mutmaßlich um 30 bis 70 Millionen erhöhen, sodass wir 2021 mit rund 850 Millionen Menschen rechnen müssen, die von Hungertod, Seuchen und totalem Ruin bedroht sind.

(Vielleicht regt ja dieser letzte meiner neuen Gesichtspunkte den einen oder anderen dazu an, dass gerade hier Solidarität und finanzielle Hilfe geboten sind: Eine Spende von uns hat in den Elendsgebieten unserer Welt mindestens den zehnfachen Gegenwert: 10 € von hier bedeuten dort etwa 100 €, und für 100 €, die wir abgeben, können in Indien, Lateinamerika oder Schwarzafrika Wohltaten für 1 000 € verteilt werden.)

Prof. Dr. Volker Frielingsdorf war Oberstufenlehrer für Geschichte und Deutsch an der Freien Waldorfschule Schopfheim. Derzeit ist er Professor für Waldorfpädagogik und ihre Geschichte an der Alanus Hochschule.

Anmerkung:

[1]  Gegen meine Gewohnheit als Forscher und Wissenschaftler habe ich dies alles hier nicht belegt und im Einzelnen nachgewiesen – falls dies gewünscht wird, werde ich das gerne nachholen und eine um Fußnoten und Quellennachweise ergänzte Fassung erarbeiten.

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